Adiós Apendix


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Adiós Apendix

Beitragvon grad60.com » Mo 20 Sep 2021 14:55

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Eigentlich geht es bei mir heute nicht um den Apendix, sondern um die Sackgasse am Anfang des Dickdarms, den Blinddarm, an dem aber auch der sogenannte Wurmfortsatz hängt. Der kommt halt mit weg, der Arme, obwohl der gar nichts getan hat. Und warum? Weil bei den regelmäßigen Darmspiegelungen immer wieder Polypen an dieser Stelle weggeschnitten werden mussten. Die sind eigentlich ungefährlich, manchmal kann sich aus ihnen aber Darmkrebs entwickeln. Und bei mir ist das Risiko für Krebs jetzt ziemlich hoch. Also muss es sein: Operation im Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf. Minimalinvasiv, nur kleine Schnitte, vier Stück.

Ich bin früh da, zu früh, wie mein Vater früher. Der hätte zwei Busse verpassen können und wäre immer noch zu früh auf Arbeit gewesen. Da bin ich wie er oder wie ein Polizist, immer ein Stück früher da sein, um vor der Lage zu bleiben.

„Ich hole sie um sieben ab, alles ausziehen, nur das OP-Hemdchen, was hinten offen ist, überstreifen“, sagt Schwester Rosita zu mir. Es ist halb sieben, genug Zeit. Ich schaue mich um. Schönes Zimmer, kann man nicht meckern, geradezu luxuriös. Kaum umgezogen kommt ne andere Schwester mit einem Rasierer und sagt, dass ich die Brust und den Bauch komplett rasieren soll. Okay, mache ich! Fertig. Es ist sieben Uhr, niemand kommt.

Es ist zehn nach sieben. Es kommen zwei Schwestern und ein Pfleger und fragen, ob ich noch mal auf die Toilette muss. „Ne, schon erledigt“, antworte ich. „Dann legen sie sich bitte aufs Bett“, sagt Rosita und fügt fragend hinzu: „Haben sie sich rasiert am Bauch?“ Ich nicke. Sie guckt ziemlich streng. „Lassen sie mal sehen!“ Sie zieht die Bettdecke runter und das Hemdchen hoch. „Da müssen wir wohl noch etwas nacharbeiten!“ Schnappt sich den Rasierer und schabt über meinen Bauch. „So, jetzt können wir.“ Und zu mir gewandt: „Wir fahren Sie jetzt in zum OP-Saal, es ist soweit!“ Es geht durch die Gänge, an vielen Fenstern vorbei. Über mir die Leuchtstoffröhren. Ich sehe ein wenig vom blauen Himmel und denke, dass ich jetzt ein bisschen Glück brauche.

Im Gang sind Türen zu mindestens zehn OP-Sälen. In einen werde ich hineingeschoben Das Personal im OP-Vorbereitungsraum scherzt, nicht über mich, sondern mit mir und fragt mich ein Loch in den Bauch. „Ähhh, bitte nicht jetzt schon,“ sage ich laut. Und Pfleger Sven zu mir: „Wie bitte?“ „Nichts, alles gut, obwohl ich langsam nervös werde.“ Er beruhigt mich und fragt weiter. Zum Beispiel, wie ich heiße und was operiert werden soll. Was soll das? Weiß er das nicht? Er erklärt aber gleich, warum er das fragt. Sie wollen sichergehen, dass der richtige Mann für die richtige OP hier liegt. Okay, das verstehe ich. Ich werde in einen zweiten Vorraum geschoben. Es kommt der Anästhesist und legt einen Permanentzugang.

Auch der fragt mich noch nach Beruf, Spaß an der Freude, Sport, Essen, Interessen, bla bla bla. Klar, die wollen mich ablenken. Gelingt ihnen auch recht gut. Sven schließt mich an die Aufzeichnungsmaschine für Herzschlag, Blutdruck, Sauerstoffsättigung an. Jetzt wird’s ernst. Das Hemdchen kommt aus. Und die wärmende Decke, die ich im ersten OP-Vorraum bekommen habe, wird etwas nach unten gerollt. Gleichzeitig schaltet eine Schwester eine Fönhaube an, die um meinen Kopf liegt. „Damit sie nicht auskühlen“, erklärt sie. Verstehe. „Ich leite nun das Schlafmittel in den Tropf und gebe ihnen eine Sauerstoffmaske.“ Der Anästhesist spricht ganz ruhig mit mir. „Gleich schlafen sie und wenn sie aufwachen, ist alles vorbei. Schauen sie auf die Lampe über sich. Können sie die noch erkennen?“ Ja, sicher, will ich eigentlich sagen. Aber da kommt nichts mehr. Das Licht erlischt. Ich bin weg.

Drei Stunden später liege ich im Aufwachraum und denke - wie alle - wann geht’s denn los? Aber alles ist vorbei. Ich werde in mein Zimmer geschoben und schlafe weiter. Dann kommen Pfleger Schwestern und Ärzte und fragen und kümmern und machen, super kompetent und freundlich! Ich habe jetzt vier Pflaster auf dem Bauch. Drei für die Instrumente und die Kamera. Ganz kleine Schnitte und einen etwas größeren Schnitt, ca. anderthalb Zentimeter für das Stück Darm, was sie rausgezogen haben. Ich bin benommen und aufstehen zur Toilette geht nur mit Hilfe. Aber sonst geht’s mir ganz gut. Erst einmal.

Leider hat das Ganze ein nicht so gutes Nachspiel. Im Bauchbereich gibt es Blutungen. Ich muss nochmals operiert werden. Ein dreiviertel Liter Blut wird abgesaugt. Tagelang sind die vermaledeiten Blutwerte nicht okay und eine dritte Operation steht im Raum. Am vierten Pflaster unten rechts habe ich jetzt eine Drainage, um Blut nach außen zu transportieren. Das lästige Ding hängt wie ein nasser Waschlappen an mir dran und nervt bei jeder Bewegung. Ein Mal am Tag wird der Beutel geleert, was immer eine ziemliche Sauerei ist. Zwei Mal am Tag wird Blut entnommen und am rechten Arm habe ich jetzt zwei Dauerzugänge. Ich bin echt ziemlich perforiert. Und dauernd wird der Blutdruck gemessen, weil der doch so im Keller war.

Die Leute hier sind alle, wirklich alle, super nett, höflich, kompetent und den Patienten zu einhundert Prozent zugewandt. Ich bedanke mich oft. Und sie geben Ratschläge. Ich soll mich bewegen. Mache ich. Auf dem Flur. Immer hoch und runter. Und denke viel nach. Den Eingriff hatte ich mir einfacher, leichter, schneller vorgestellt. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Dieser Spruch, frei nach Wilhelm Busch, trifft so oft im Leben zu, dass ich ihn mir schon vor langer Zeit zu eigen gemacht habe. Und immer dem Schicksal eine Chance geben, die Angebote annehmen. Ich brauchte etwas Glück und das habe ich gehabt. Ich danke dem Universum und meinem Körper.

Die Drainage ist raus. Endlich. Es erfolgt zum letzten Mal Blutentnahme, Blutdruckmessung. Alles ist gut. Ich bin entlassen.

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