Auch im Tal blühen Blumen - Erfahrungsgedichte von Ladina

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Ladina
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Gedichte aus meinem 2.Band: Explosionen und Vulkanausbrüche

Beitragvon Ladina » Sa 2 Feb 2008 18:06

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Krebs ist…
°°°°°°°°°°
Ich wusste, was sehr viele wissen:
Krebs ist eine Krankheit, die tödlich enden kann
Krebs besteht aus bösartigen Zellen und ist fähig, in andere Organe zu streuen.
Seit ich selber diese Krankheit habe,
erkenne ich immer mehr, dass Krebs nicht nur negative Seiten hat,
denn Krebs lehrt einen im Heute zu leben, spontan zu sein,
in der Chemo erlebt man viel Grausames, aber jedes kleine Schrittchen,
wo es einem besser geht
wird wahrgenommen und dankbar empfangen.
Krebs stellt die schönen Momente im Leben in noch helleres Licht,
man lernt zu geniessen.
Krebs ist Aufforderung, Dinge in unserem Dasein zum Guten zu verändern,
Krebs ist Gelegenheit umzudenken, zu sich selbst zu finden,
was für sich selbst zu tun, ohne Egoist zu sein.
Krebs ist Brille, Zusammenhänge zu erkennen.
Krebs ist Fingerzeig auf Dinge, die im Leben zu ordnen sind
Krebs ist Denkanstoss, Verdrängtes neu aufzuarbeiten
an den Tod zu denken und dabei zu erfahren, dass das Leben gerade dadurch eine völlig neue, tiefe Dimension erhält.
Krebs kann Wegweiser sein zu erfüllterem Leben
Krebs ist Lupe, kleines plötzlich zu sehen.
Für mich denke ich,
dass der Krebs eine Art Lebensretter wurde,
denn erst das Bewusstsein um ein mögliches, frühes Lebensende
gab diesem Leben echten Sinn, sinnvolle Zukunft und fruchtbare Tiefe.
Krebs ist darum keine durch und durch sinnlose Erkrankung für mich,
sie bringt zwar Kummer, Todesangst und Schmerz mit sich
aber immer wieder auch tiefes Glück
und Lebensfreude wie niemals zuvor

Ladina, April 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Und nun ist es doch geschehen
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Beim Kontrollkernspin vor 6 Wochen
sah es ganz gut aus in meinem Körper.
Und ich dachte, nun hätte ich es endgültig geschafft
und freute mich auf einen unbeschwerten Sommer.

Und nun ist es doch geschehen,
ein neuer Tumor ist da am Bauchmuskel
und wieder schlägt man mir Chemo vor.
"Es bestehen gute Chancen, dass wir das nochmals in den Griff bekommen", sagt der Arzt.

Wie oft habe ich das schon gehört!?
Wie oft habe ich darauf vertraut?
Wie oft feierte ich Siege und wie oft war der vermeintliche Sieg
nur ein vorübergehendes Stillstehen vor einem neuen
noch heftigeren, noch schmerzhafteren Rückschlag?
Wie oft!?

Zu oft ist alles anders gekommen als man es erwartet hat,
manchmal wurde es gut, wenn die meisten dachten, es sei aus
doch die vielen neuen Einbrüche
sie schwächen meine Hoffnung auf ein gutes Ende
auf ein Leben ohne Krebs immer mehr.

Ich fühle mich wie tot,
irgendetwas in mir ist verbrannt
zu dem Zeitpunkt, als ich vom neuen Tumor erfuhr.
In meinem Innern sehe ich ein paar versengte Baumstrünke.
Kein Grün ist da mehr, kein Spitzchen, keine Knospe.
Nur die schwarzen Strünke verraten,
dass da noch Leben war - bis eben…

Dennoch bin ich froh, dass man ehrlich zu mir ist,
es erleichtert mich, zu wissen, was ist
auch wenn nun wieder Zweifel und Angst in mir wachsen
wie es weitergeht
und die sinnlose Frage "WARUM?" in meinem Kopf Kreise dreht,
surrend wie die Bestrahlungsmaschine,
die über mir kreisend, Strahlen auf meinen Bauch wirft,
die den Tumor vernichten sollen.
WARUM? WARUM?
Warum trifft es immer dieselben?
Habe ich noch nicht genug gekämpft?
Hat Gott noch nicht gemerkt, wie sehr ich sein Geschenk, das Leben liebe,
dass er mir immer wieder so Schweres, so Schreckliches auferlegt
und ich wieder dagegen kämpfen muss,
um mein Leben vielleicht noch einmal geniessen zu können.
Gefällt es ihm, zuzusehen, wie ich mich abmühe
oder warum sonst mutet er mir das alles zu?

Und draussen geht das Leben weiter, als sei nichts passiert
und während die Leute in der Limmat baden
und die warmen Sonnenstrahlen geniessen
liege ich wieder täglich unter der Strahlenbombe
und von Genuss kann keine Rede sein.

Die nächste Zeit für mich ist geprägt von Hoffen und Bangen
und wiederum gefüllt, nein überfüllt von Ängsten ums Wachsen
oder Schrumpfen des Tumors,
wieder mal, wie schon so oft - zu oft!

Wenn ich nach Hause komme, werde ich einen Avocadokern setzen,
damit ich wenigstens etwas Schönes wachsen seh….

Ladina, Juni 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Leben mit Krebs heisst
sich selber gegenüber
die Bedrohung dieser Krankheit zugeben
und trotzdem nicht aufgeben

Ladina, Juni 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Schwer krank
°°°°°°°°°°°°°
Mein Vater hatte schon mehrere Herzinfarkte.
Kürzlich erlitt er wieder einen.
In Windeseile hat es sich herumgesprochen.
Er bekommt Besuche, Anerkennungen, Geschenke,
das gute Gefühl, dass man ihn gern hat.

Seine Schwester, meine Patentante, hat Depressionen.
Es ist ein gut gehütetes Geheimnis
Keiner spricht darüber.
Nur selten bekommt sie Besuch, Zuwendungen oder Geschenke.
Sie ist oft allein mit ihrer Not
und am 27.Dezember hat sie sich vor einen Güterzug geworfen…

Sie war sofort tot.
In Windeseile verbreitet sich die erschütternde Nachricht.
Doch auch jetzt wird noch vertuscht.
"Ein Unfall" sagen sie, und wissen doch genau,
wie es wirklich war.

Doch keiner wagt es auszusprechen.
Selbstmord.
Wieder einmal hat unsere Gesellschaft versagt.
Körperliche Krankheit wird anerkannt, Psychische oft nicht.
Noch heute wird Seelisches mit Selbstverschulden und Verweichlichung gleichgesetzt.

Beim Trauergottesdienst sind viele Leute da,
alle bezeugen, dass sie so ein lieber Mensch war,
dass man sie gern hatte.
Jetzt erst kommen sie aus ihren Verstecken,
Jetzt erst wird Zuneigung zu ihr offensichtlich,
jetzt erst, wo sie tot ist.
Jetzt erst, wo sie den Tod als letzten Ausweg wählte
um ihrer Einsamkeit, ihrer Krankheit und der Traurigkeit zu entkommen.

Sie hatte uns zum Geburtstag immer Kerzen geschenkt, die sie selber anfertigte.
Licht und Wärme schenkte sie und bekam selbst viel zu wenig davon.
Noch vor 3 Wochen sahen wir uns auf einem Geburtstagsfest
und wir vereinbarten, dass ich sie im Sommer besuchen komme.

Doch nun werde ich im Sommer nur noch ihr Urnengrab besuchen können
und da wahrscheinlich genauso beschämt stehen wie heute.
weil auch ich so eine bin, die erst jetzt daherkommt,
deren Erschütterung zwar echt ist, aber zu spät kommt,
weil einfach nie über ihre gesundheitlichen Probleme gesprochen wurde,
obwohl sie im Grunde dem Tod viel näher war als mein Vater.

Und ganz zum Schluss werden Stimmen wach, die sie anklagen:
"Wie konnte sie uns das nur antun, ihre 6 Kinder einfach allein lassen?"

Doch wie lange haben wir sie denn alleingelassen mit ihrer Not,
in der sie weitaus hilfsbedürftiger war, als alle ihre volljährigen Kinder zusammen es je sein könnten?

Meine Patentante könnte noch leben, wenn wir wirklich für sie da gewesen wären.
Ihr Tod hinterlässt in Wirklichkeit keine Fragen,
nur Ausrufezeichen

Ladina, 31. Dezember 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Meine Seele tanzt Walzer
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Meine Seele tanzt Walzer
während das Haus, in dem sie wohnt, lichterloh brennt.
Meine Seele tanzt Walzer
während das Dach, das ihr Schutz gewährte, zusammenfällt
und an der Hauswand der Putz abblättert.
Meine Seele tanzt Walzer,
während ihre ganze Hoffnung
sich in einen Haufen Schutt verwandelt.
Immer dann,
wenn Gefahr droht, vor Verzweiflung halb verrückt zu werden,
wenn die Ohnmacht übermächtig wird.
Immer dann,
wenn der Schmerz zu gross ist
und die ausgelebte Wut sie vernichten würde
Immer dann,
wenn sie in geweinten Tränen erbarmungslos ertrinken müsste…

Immer dann setze ich den Walkman auf
und lasse meine Seele Walzer tanzen

Ladina, März 2004 (unter den Qualen von Adriblastin)

Ohne Haare bist Du kahl
aber Du wirst wieder Haare bekommen.
Ohne Leben bist Du tot
und Du bleibst es!

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Worte
die in falsche Ohren kommen
geraten oft auch
in den falschen Hals

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Krebstumore sind leider wie Menschen
- bevor sie sterben,
schaffen sie Nachkommen,
damit nicht so schnell vergessen werden kann,
dass sie einmal existierten

Ladina, August 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Das Spiel auf der Flöte ist zu Ende
die geschickten Hände sind erschöpft,
es gibt wohl nichts mehr, was die Hoffnung noch wende
und so wird die Hoffnung geköpft

Ladina, August 1994 (zu einem Bild eines Schlangenbeschwörers, dessen Schlange zwei Köpfe hat)
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Alptraum
°°°°°°°°°
Mit Riesenschritten eilt ein Krebs auf mich zu.
Mit rasender Geschwindigkeit droht ein mühlsteinschwerer Tumor
mich zu überrollen und unter sich zu zerquetschen.
Und ich schreie laut vor Panik und voll Todesangst.
Im Traum eilen mir viele Leute zu Hilfe,
aber in Wirklichkeit
hat mich niemand gehört!

Ladina, August 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Entschieden
°°°°°°°°°°°°
Seit Beginn der Irland-Tour fühlte ich
dass das Leben in meine Seele und mein Herz zurückgekehrt ist
und dies war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Mein Körper leistete wieder, was ich wollte,
er machte keine falsche Bewegung und keinerlei Probleme
und es schien, als habe sich das Leben für mich entschieden.
Doch gestern abend sah wieder alles anders aus.
Krämpfe schüttelten meine Glieder,
ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können.
Heute bin ich wieder abhängig von besonderen Hilfestellungen,
Gott, wie ich das hasse, dieses Anderssein.
Ich bereite wieder Kummer,
ich falle wieder zu Last
Das Leben hat sich wieder entschieden. Gegen mich…

Ladina, August 1994 (Dingle-Island)
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Abschied von einem Traum
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Ich hätte ihn so gern gesehen,
meinen Freund, den Leuchtturm
nicht wie sonst auf Bildern
sondern einmal real auf den Klippen Irlands.
Ich hätte ihn so gern berührt,
meinen Freund, den Leuchtturm,
anders als daheim, wenn ich das Poster berühre
und dabei träume, irgendwann einmal auf so einer Klippe zu stehen.

Ich hätte ihn so gern umarmt
meinen Freund, den Leuchtturm
ihm gedankt auf meine Art, dass ich ihn noch kennenlernen durfte.
Ich hätte ein Foto von uns beiden machen lassen,
es dann aufgehängt, über meinem Bett
und das Glücksgefühl wär immer wieder gekommen-
wie im Augenblick, als ich es tatsächlich erlebte,
wenn ich dieses Foto angeschaut hätte.
Und wenn ich dann einmal nicht mehr am Leben wäre,
wäre dieses Foto meinen Freunden erhalten geblieben
und sie hätten mich drauf gesehen,
so glücklich strahlend.

Aber es sollte nicht sein.
Und ich war doch so nahe an der Erfüllung meines Traumes dran.
Eine Prise Glück fehlte
und die Kraft meines Körpers,
der im alles entscheidenden Augenblick
versagte.

Meine Tränen sind nicht nur aus Schmerz geweint.
Sie stellen den qualvollen Abschied dar
von einem wunderbaren Traum
der zerschellt ist
an der Unerbittlichkeit des Schicksals

Ladina, August 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Unvorstellbar
°°°°°°°°°°°°°
Es ist leicht
in guten Zeiten
zu erklären und zu glauben: Ich wäre bereit zum Sterben.
Aber jetzt,
wo es vielleicht wirklich ernst gilt
sind solche Gedanken in mir nicht mehr auffindbar
und ich kann mir nicht vorstellen,
jemals bereit gewesen zu sein

Ladina, September 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Die Seele ist ein Schmetterling
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Die Seele ist ein Schmetterling,
der aus einem Paradies in unseren Körper flog,
dort Schutz und Geborgenheit suchte
und uns das selbe zu geben vermag.
Doch manche Seele gaukelt mit gebrochenen Flügeln umher,
weil sie es zu eng hatte,
weil sie vertrieben wurde, gequält und geschlagen.
Aber auch sie kann, wenn sie möchte
zurückfinden in ein Paradies.

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Die wahren Freunde
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Es gibt manche,
die mich bewundern
wenn sie meine Texte gelesen haben.
Es gibt auch manche,
die mich bemitleiden,
wenn sie von meiner Krankheit erfahren,
Es gibt manche,
die mich im Fernsehen gesehen haben,
die dann vieles daran setzen,
mich persönlich kennen zu lernen
um es dann weiterzuerzählen: Ich war schon mit ihr zusammen,

Und es gibt andere,
die waren mit mir zusammen, bevor ich im Fernsehen war.
sie haben mir zugehört, bevor sie wussten, wer ich bin.
Sie haben echtes Interesse an mir gezeigt,
bevor es von Bewunderung und Mitleid in den Hintergrund gedrängt werden konnte.
Sie haben mich begleitet in hellen und in dunklen Tagen.
Sie lachten mit mir, sie trösteten mich und waren einfach da
- nicht um später bei andern zu bluffen,
- nicht um von andern vielleicht beneidet zu werden
sondern einzig,
weil sie sich mir verbunden fühlten.

Unter ihnen finden sich meine wahren Freunde

Ladina, September 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Der Verlust deiner Schuhe
braucht kein Unglück zu sein,
denn solange du barfuss gehst
spürst du mehr Boden unter den Füssen
und setzt gleichsam deine Schritte bedachter….

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Auf den Pfaden der Menschlichkeit
kommen die Langsamen und Bedächtigen besser voran

Ladina, Herbst 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Und eine Schraube
bekommst du nicht mit dem Hammer in die Wand,
ohne dass beide Schaden nehmen…

Ladina, Herbst 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Die Flucht vor dir selber
ist im Grunde keine Rettung für dich
Du lebst irgendwo, ohne dich zu lieben
und du stirbst irgendwann, ohne dich wirklich gekannt zu haben

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Jede Seele besitzt Flügel
um den Leid für eine Weile zu entkommen,
doch so mancher fehlt die Kraft
wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Manchmal,
in einem langen, harten Kampf
der all deine Kraft erfordert,
kann es helfen
einen Teil deiner Energien auf etwas anderes zu lenken.
Erst ist es vielleicht nur ein Traum,
doch dann nimmt es Form an
und wenn daraus etwas Gutes zu entstehen verspricht
wächst in der Freude darüber
neue Kraft,
die dir hilft in deinem Kampf

Ladina, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
So mancher Stolperstein auf deinem Weg
macht dich um eine wichtige Erfahrung reicher

Ladina, Monte Generoso, 1994
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Die Angst besiegen heisst, sie in Vertrauen wandeln…

Ladina, Sent, 1994
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Wenn der Tod eine Existenz bedroht,
gewinnt die Lebenslust an Intensität,
die sonst nur selten erreicht wird,
ohne Grenzerfahrung

Ladina, Spinas, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Sehr oft wäre es hilfreicher,
würde ein Arzt nicht Medikamente reichen,
sondern einfach seine Hand…

Ladina, Latsch, 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Manchmal sind medikamentöse Behandlungen
nichts als getarnte Misshandlungen

Ladina, Fanas, 1994 (dieser Text bezieht sich nicht auf die Zytostatika, sondern auf Psychopharmaka)
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Geht’s dir gut, hast viele Freunde, die sich um dich scharen
bist du krank, bleibt nur ein Bruchteil derer, die einst da waren
doch erst, wenn du persönlich schuldig geworden bist,
erkennst du, wer von denen, ein echter Freund ist.

Ladina, Thorberg, 1994
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Auch ein Clown
weint
manchmal
Tränen,
dann versteckt er
sein Gesicht
und Tränen,
die nach innen fliessen,
diese sehn die andern nicht

Ladina, Andiast, 1994
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Liebloses Zuhause
°°°°°°°°°°°°°°°°°
"Sei still!" sagen die Eltern zu Diego
als er nach Hause kommt und etwas erzählen möchte.
"Sei leise!", sagen sie,
wenn er seiner Lebensfreude mit Gitarrenklängen und Gesang Ausdruck verschafft.
Aber ich bin sicher,
wenn der Tag kommt, an dem er für immer verstummt ist,
werden sie sich wünschen,
ihm, als er noch bei ihnen war,
öfters zugehört zu haben

Ladina, Oktober 1994
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Nach Franco Tod
°°°°°°°°°°°°°°°°°
Es ist alles so unfassbar.
Du starbst, als es dir gut ging,
noch Donnerstag und Freitag bist du ausgegangen
zum Pizza-Essen und ins Kino.
Du hattest viel Spass, warst richtig fröhlich
und am Samstagmittag legst du dich zum Mittagsschläfchen hin
und wachst nie wieder auf.
Es ist alles so schnell gegangen.
Dein Tod hat uns alle überrumpelt,
es blieb keine Zeit, sich ein letztes Mal richtig von dir zu verabschieden
und es tut weh, so weh.
Doch trotz aller Sinnlosigkeit deines Todes
bin ich auch sehr getröstet,
und auf eine besondere Weise sogar glücklich,
denn du hast nicht lange leiden müssen.
Du bist nicht erstickt, wie wir alle und vor allem Du, es befürchteten,
als bekannt wurde, dass deine Lunge voller Metastasen war,
sondern du durftest ruhig einschlafen.
Du hast deine letzten Tage voll auskosten können und dein Leben
war reich und erfüllt - bis am Schluss!

Ladina, November 1994 (im Gedenken an Franco Scherrer, 8.4.1976 - 5.11.1994)
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Sterben an Lieblosigkeit
ist der grausamste Tod
weil du danach immer noch atmest.
Begraben mit all deinen Hoffnungen. Ein letzter Atemzug.
Aus, vorbei, erstickt.
Auf dem Grabstein steht: Lass uns zufrieden
Und irgendwann, nach Jahren, wieder ausgegraben
und zu den Akten gelegt
und dann vergessen
für immer.
Ruhe in Frieden!

Diego, irgendwann geschrieben, ist nicht wichtig, genau wie ich
(Diego war ein adoptierter dunkelhäutiger Junge aus Brasilien. Er hat weder seine Eltern noch sein Umfeld als friedvoll erlebt. Auch im Spital rebellierte er oft, doch hinter seiner harten, rauhen Schale verbarg sich ein sensibler Junge, der allzu oft in seinem jungen Leben verletzt worden war. Oft sass er neben mir, wenn ich schrieb. Liess sich erklären, was mir das bringt, so etwas aufzuschreiben. Eines Tages schrieb er auch, dieses Gedicht, da oben. Es ist meines Wissen sein einziges und letztes gewesen
und ich möchte es als ein Andenken an ihn hier lassen und auch als Mahnmal um mehr Achtsamkeit auch gegenüber anderen, uns vielleicht äusserlich unverständlichen, jedoch im Kern sehr ähnlichen Menschen
(Ladina))
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Im Abgrund der Angst
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Auch negative Gefühle
soll ich ausleben,
rät man mir,
sie nicht in mir gefangen halten
sondern sie zeigen und so Befreiung erfahren.
Ich fühle Ohnmacht und Hilflosigkeit
und weine nächtelang.
Im empfinde Hass
und schlage wütend auf einen Gegenstand ein.
Ich habe Sehnsucht nach Nähe und Gehaltenwerden
und nehme mich selber in die Arme.
Ich habe Angst,
doch ich weiss nicht, wohin mit ihr.
Ist Angst überhaupt ein richtiges Gefühl
oder mehr ein eigenständiger Zustand?
Ich schaffe es nicht, sie in irgendeiner Form auszuleben
und Befreiung zu erleben
denn jedes Denken an sie,
jedes Befassen mit ihr,
lähmt mich so sehr, dass ich des Handelns unfähig werde.
So stürzt mich die Angst
noch tiefer
in die dunklen Abgründe
und ich bleibe
GEFANGEN in ihr

Ladina, 8.November 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Hart
°°°°
Noch gestern war ich voller Zuversicht
über den Sieg über die gefährliche Lungenmetastase
und heute muss ich erfahren,
dass die Schlacht noch lange nicht gewonnen ist.
Ich habe mich viel zu früh gefreut.
Wasser in der Lunge bedroht nun mein Leben,
gibt mir das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen,
verursacht mir blaue, zyanotische Lippen und diesen wirren Kopf.
Ein Pleuraerguss macht mir zusätzlich das Leben und das Atmen schwer
und ich habe wieder solche Schmerzen.
Es ist zum Verzweifeln!
Warum kann es nicht noch einmal gut werden?
Warum darf ich nicht einmal unbeschwert leben?
Warum nur, warum muss immer alles einen negativen Beigeschmack haben?
Dieses Wasser ertränkt alle meine soeben geschmiedeten Pläne.
Nichts geht mehr, mir fehlt die Kraft für alles,
unmöglich, weiter als 10m am Stück zu gehen,
jede Bewegung tut mir weh,
ich kann nicht schreiben, sogar Lesen strengt mich an
und erschöpft mich.
Es ist so unsäglich ermüdend, ich kann bald nicht mehr,
trotz diesem Wasser da drin fühle ich mich leer und hohl,
meine Haut ist irgendwie grau und fahl, die Augen sind matt
und das Wasser steigt nach der Punktion schon wieder an.
Ich sehne mich nach jemandem, der mich in die Arme nimmt,
und mich fortan schützt vor all diesen Qualen.
Doch es ist hart,
denn der Einzige, der das wirklich könnte, ist der Tod!

Ladina, November 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Wo bleibt nur die Gerechtigkeit?
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Und die, deren Tod noch fern ist
versuchen ihn,
selber heranzuziehen:
sie rauchen,
sie saufen,
sie fixen
während ich zur gleichen Zeit
mit vielen Gleichaltrigen und noch jüngeren
mitten im Nirgendwo einer Krebsstation
dem Tod gegenüberstehe
und wie alle hier versuche,
jedem Tag ein Stückchen LEBEN abzuringen

Ladina, November 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Manche bitten um Flügel
um der brutalen Wirklichkeit davonzufliegen.
Ich habe schon welche
und bitte einzig um die Kraft, jeden Tag ein kleines Stück
weiterzuschreiten auf meinem Besonderen Weg
und vielleicht ab und an mal eine Blume am Wegrand erblicken zu dürfen
und zu lernen, dass auch der qualvollste Weg
gesäumt ist von Schönheiten und Wundern,
die das Herz erfreuen und reich machen…

Ladina, November 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Ich möchte…
°°°°°°°°°°°°
Nie so müd sein,
dass ich keinen Neuanfang mehr wage.
nie so wach sein,
dass ich Träumen nicht mehr glauben kann.
Nie so ausgebrannt sein,
dass nicht in der Asche doch noch ein kleines Fünkchen Hoffnung glüht,
nie so verzagt sein,
dass ich den Mut nicht mehr aufspüren kann.
Nie so verzweifelt sein,
dass kein Platz für neue Freuden ist,
nie so beschäftigt sein,
dass kein Raum mehr bleibt für mich.
Nie so betäubt sein,
dass ich das Leben nicht mehr spür,
nie so überzeugt sein,
dass ich Neues nicht mehr gelten lasse.
Nie so resigniert sein,
dass ich keinen Regenbogen mehr erkenne,
nie so abgeklärt sein,
dass mir nichts mehr klar werden könnte,
nie so abgebrüht sein,
dass mir die Gefühle anderer egal sind.

Und nie, nie so ungeduldig sein,
dass ich selbst in grosser Not nicht die Ausdauer hätte
auf einen kleinen Sonnenstrahl zu warten…

Ladina, November 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Was ich fühle
°°°°°°°°°°°°°
In einem Zustand zwischen Leben und Tod
schwebt meine Seele gefährlich nahe am Abgrund;
ich kenne nicht mehr die Uhrzeit,
ich registriere nicht mehr, ob es Tag ist oder Nacht,
ich verspüre keine Hungergefühle
aber ich fühle es,
wenn warmes Blut in meinem Körper fliesst,
ich fühle es,
wenn die KG meine Beine und Arme bewegt,
ich fühle mein Herz schlagen und ich weiss, es gibt nicht auf,
ich fühle tief in mir Zuneigung für einen Menschen,
ich fühle seine Gegenwart und fange an zu sprechen,
immer das gleiche Wort: Mama
und ich fühle plötzlich eine Hand in der meinen.
Sie gibt mir Kraft und Halt.

Irgendwo auf dem Flur dieser Station
erklingt eine leise Pan-Flöten-Melodie,
sie weckt etwas auf in mir
und trägt meine Seele sanft ins Leben zurück.

Ich wache auf, ich bin allein,
halte meine eigene Hand fest umklammert
und mit ihr ein Stück Zukunft…

Neben mir auf dem Nachttisch liegt ein Couvert, darin ein lieber Brief
mit guten Wünschen eben dieses Menschen,
an den ich die vergangenen Tage so sehr dachte…
dessen blosse Existenz mir seit 4 Monaten neue Kraft zum Leben gibt…

…denn Lebenskraft entspringt doch immer wieder der Liebe zu anderen,
zu Menschen, Tieren, zur Natur oder einem Land.
Die Lebensfreude, die daraus wächst,
strahlt heller als Sterne in der Nacht,
ist wärmer als Sonnenlicht
und ihre Wurzeln reichen so tief,
wie sie nur bei starken Bäumen gründen.
Bei Lebensbäumen.

Ladina, Dezember 1994
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Auch wenn mein Raum hier, Glück zu empfinden,
ein ganzes Stück kleiner ist als Eurer,
es heisst nicht, dass ich weniger davon fühle…

Ladina, Intensivstation, 1.Januar 1995, 1.12h, (gewidmet an alle, die Neujahr "draussen" feiern können.)
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Spuren im Schnee
°°°°°°°°°°°°°°°°°
Aufrecht habe ich am 22.Dezember 94 diese Klinik betreten
und jeder rechnete damit, dass ich sie am gleichen Tag noch,
genauso aufrecht wieder verlassen würde.
Sternumpunktion war angesagt, ein unangenehmes, doch in meinem Fall notwendiges Unterfangen, dessen Ergebnis ausschlaggebend ist für meine Zukunft.

Das Bett, auf dem ich vor der Untersuchung lag,
war ursprünglich nur als Zwischenstation gedacht,
sollte mir Entspannung bieten vor dem spannenden und schmerzhaften Eingriff,
doch es kam anders…

Was Klarheit bringen sollte
löschte beinahe mein Leben aus,
die folgenden Stunden waren von Schmerzen und Todesangst geprägt
Pneumothorax!! Lebensgefahr!!!
Eine abgerutschte Nadel führte zu Luft an falscher, unerwünschter Stelle,
legte die Lungenflügel lahm und raubte mir so den Atem.
Wie durch einen Nebelschleier nahm ich wahr,
wie man mich an Maschinen anschloss…

Vor Erschöpfung und Resignation liess ich mich fallen
und tauchte ab in eine Art Dämmerschlaf
Einiges nahm ich dennoch wahr…

Wenige glaubten, dass ich noch lebend das Spital verlasse,
man rechnete mit meinem Tod.
Ein Pfarrer kam und spendete mir die Krankensalbung
- ich nahm es im Halbschlaf wahr und bekam Angst,
ich sah mich plötzlich vor meinem inneren Auge,
so wie mich auch alle andern sahen,
in einem Sarg aus dem Haus getragen von 2 Männern.

Doch mein starkes Sportlerherz hörte nicht auf zu schlagen,
es schlug kräftig wie immer,
setzte trotz der enormen Belastung und künstlichem Koma
nicht einen Moment aus…

In einer Zeit, wo die Ohren nur noch nach innen lauschen
hören sich die eigenen Herztöne wie feierliche Paukenschläge an,
wie Musik des Triumphes
und die Bilder, die geschlossene Augen sehen
nehmen ob solcher Klänge andere Gestalt an,
sie werden bunt und bunter, erfüllt von Liebe, Glanz und Heiterkeit,
von Sehnsucht, Träumen und neuem Lebenswillen…

Am 31. Dez. 1994 nach 9 Tagen Dauerschlafen
habe ich meine Augen wieder aufgemacht
und blickte einer Realität entgegen, die den Namen LEBEN trägt.

Heute um 14.20h stand ich abmarschbereit an der Pforte
- fehl am Platze mit meinen Turnschuhen,
mit denen ich das Haus an einem warmen Sonnentag, dem 22.12. betrat
und nun wieder verlasse bei schneebedeckten Strassen
und tanzenden Flocken in der Luft-
und doch mit einem festen Platz im Leben!

So mancher steht am Fenster und schaut mir nach,
wie ich aufrecht das Klinikgelände verlasse,
so mancher sieht wohl die Spuren der leichten Turnschuhe,
zwischen denen robuster Winterstiefel
und denkt sich dann vielleicht fälschlicherweise, dass ich lebensmüde bin
ohne zu ahnen, dass mein Leben gerade erst wieder richtig begonnen hat.
So mancher Unbeteiligte schüttelt bei meinem Anblick den Kopf,
einige grinsen, weil ich öfter ausrutsche,
doch denen im Haus an den Fenstern hüpft das Herz vor Freude,
wenn sie sehen, wie ich da tatsächlich gehe, langsam zwar und etwas zittrig
aber ohne Krücken, ohne Sonde, ohne Schläuche…

Der Tanz der Schneeflocken überträgt sich auf mich
mein Herz ist leicht wie sie
und immer wieder drehe ich mich um,
betrachte fasziniert meine Fussspuren.

Auch wenn bald Schnee darüberfällt,
auch wenn alles eines Tages wegschmilzt,
die Spuren meiner Schritte in diesem Schnee
werden vielen für immer
in Erinnerung bleiben…

Ladina, Freitag, 13.01.1995, 17.06h
(gewidmet an alle, die irgendwie dazu beigetragen haben, dass es noch immer Spuren von mir gibt)
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Für Mirjam
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Hände,
noch vor einer Woche im Gebet gefaltet, flehend um Gnade
hoffend auf Heilung, entgegen aller düsteren Prognosen
berühren heute ein Stück Leben,
das dem Feuer der Schmerzen entrissen
und aus der Dunkelheit der Verzweiflung befreit worden ist
und nun dem Himmel entgegenstrebt.

Ohren,
noch vor einer Woche lauschend festlichen Orgelklängen
vernehmend das Wort Gottes, der sagt: "Hab Vertrauen,
du bist nicht allein, ich gehe den Weg mit dir!"
Wir, Deine Mutter und ich,
dankbar für die Kraft, die aus diesen Worten strömt,
getröstet und gleichsam gestärkt,
dürfen heute dein Lachen hören,
deine Stimme, die wieder sprudelt vor Glück.

Tränen,
einst aus Verzweiflung geweint,
verzauberte Gott durch dein und unser Gebet,
durch deinen unerschütterlichen Glauben
und durch sein helles Licht der Gnade
in Tropfen der Hoffnung.

Augen,
noch vor einer Woche von Dunkelheit umgeben,
die einzig durch den Schein der Kerzen
etwas von ihrer Bedrohlichkeit verlor,
erblicken heute den Glanz deiner Augen und deinen Mund,
der wirklich wieder lacht, nicht bloss tapfer hochgezogene Mundwinkel,
sondern echtes Strahlen,
das die Botschaft eines glücklichen Herzens weiterträgt.

ER,
der er ins Feuer greifen kann, ohne sich zu verletzen,
hat dein Leben aus Schmerzen und Leid geborgen
und schenkt es dir neu.
Durch den durchlittenen Schmerz und die durchgemachte Angst
hat es an Intensität gewonnen und wirkt strahlender noch als zuvor
auf dich und auch auf uns, die dich gern haben.
Wir alle sind erfüllt von tiefer Dankbarkeit,
in mir erklingt wieder die Melodie der Lebensfreude,
die gleichsam auch Lobgesang ist und den preist,
der deine Heilung möglich werden liess:

Ich danke Gott dafür, dass er dir geholfen hat.

Ladina, Februar 1995
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Für Annette
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Wenn nie ein Ende des Leidens sichtbar wird
und du dem Leben keine Freude mehr abgewinnen kannst,
dann wird dein Wille zu kämpfen irgendwann schwach.
Wenn immer neue Schicksalsschläge dich treffen,
du auf Hilfe anderer angewiesen bist
und die Schmerzen immer heftiger werden
dann bekommst du deine Ohnmacht besonders deutlich zu spüren.
Und jetzt ist der Moment gekommen,
wo du jeden weiteren Tag sinnlos findest,
wo du darüber nachdenkst, wie du dich davonstehlen, ja , wie du dich umbringen könntest, wie es am leichtesten ginge
doch,
du brauchst keine Hand an Dich zu legen,
dich nicht erschiessen, nicht vergiften, nicht erhängen.
Gib einfach innerlich auf
und dein Leben erlischt.

Ladina, Februar 1995
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Kein Mitleid bitte
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Viele, die wie ich eine schwere Krankheit oder eine Behinderung haben, sagen wie ich: "Ich möchte kein Mitleid"
doch was ist dieses Mitleid eigentlich,
warum ist es bei vielen nicht gefragt und ist doch immer wieder ein Thema.

Für mich heisst Mitleid,
ein Leben als belastend zu empfinden für sich als Mitmensch,
als auch für den Betroffenen selber.

Mitleid heisst,
einem Leben seinen Wert, seine Berechtigung und seine Würde abzusprechen, es als zweitrangig zu betrachten,
nichts Positives darin oder daran zu sehen.

Mitleid macht alles noch schwerer,
es hat zu jeder Zeit mit Kummer zu tun.

Mitleid haben die Leute nicht nur, wenn es mir schlecht geht,
sondern auch dann, wenn sie mich draussen sehen auf dem Fahrrad oder beim Einkaufen und sie denken: so jung und schon Krebs!

Mitleid bewirkt,
dass ich auch an glücklichen Tagen
immerzu an meine Krankheit erinnert werde, sie nie vergessen kann.
Aber auch, wenn es mir nicht gut geht, möchte ich kein Mitleid.
Ich wünsche mir dann, wie in guten Zeiten einfach Mitgefühl.

Mitgefühl kann trösten, aufmuntern, sich auch freuen mit mir.
Mitleid macht nur traurig.

Ich danke allen, die diesen feinen Unterschied bemerken und mir nicht mit Mitleid sondern echtem Mitgefühl begegnen.

Ladina, Februar 1995
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Wo Vertrauen wächst
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Vertrauen - Grundvoraussetzung jeder offenen menschlichen Beziehung
wächst nicht in jedem Garten.
Nur da, wo mit Gefühlen ehrlich umgegangen wird
kann sein Samen Wurzeln schlagen.

Vertrauen wächst,
wenn mir ein Arzt offen ins Gesicht blickt
und wenn er mir Schmerzen bereitet sagt: "Schrei es nur raus, schrei, ich würde das auch tun!"
Vertrauen wächst da, wo Einverständnis besteht.

Vertrauen wächst,
wenn ich jemanden neu kennen lerne
und er oder sie nicht zurückschreckt, wenn sie von meiner Krankheit erfahren, sondern offen Fragen stellt.
Vertrauen wächst da wo die Geborgenheit wohnt.

Vertrauen wächst,
wenn ich jemand anrufe und man es mir auch sagt,
wenn der Anruf ungelegen kommt und ich mich drauf verlassen kann,
dass man mich nicht aus falscher Rücksicht erduldet
sondern zu gelegener Zeit gerne mit mir zusammen ist.
Vertrauen wächst da, wo Offenheit regiert.

Immer dann, wenn Einverständnis, Geborgenheit und Offenheit siegen, wird das Vertrauen genährt und es kann stark werden

Ladina, Februar 1995
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Hat ein verzweifelter Kampf gegen den Krebs
die gleich guten Erfolgsaussichten wie ein mutiger,
oder ist er von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Ladina, Februar 1995
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Beim Grübeln findest du nie raus
aus deinem tiefen seelischen Loch,
sondern du buddelst dich noch tiefer hinein

Ladina, Februar 1995
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Stark sein
°°°°°°°°°°
Während der Chemo
wenn ich erbrechen muss,
wenn meine Mundschleimhäute offen sind,
wenn mir die Haare ausfallen,
tapfer lächeln, stark sein,
immerzu stark sein - für andere.

Nach der Bestrahlung
wenn sich alles um mich dreht,
wenn ich kaum aufrecht stehen kann vor Übelkeit,
wenn die Beklemmung dieser Abteilung in mir weiter klingt
tapfer lächeln, stark sein - für andere.

Mir möglichst nichts anmerken lassen
mich selbst nicht so wichtig nehmen,
meine Gefühle ignorieren
immer tapfer lächeln, stark sein - für andere.

Stark sein nach aussen,
doch innerlich am erlahmen.
Mit ausgebreiteten Flügeln scheinbar federleicht fliegen,
aber in Wirklichkeit starr sein vor Verkrampfung und Schmerz.
Ich bräuchte dringend einen Ort,
wo ich meine wahren Gefühle ausdrücken kann,
ein warmes Nest, wo ich mich rundum wohlfühle,
in das ich mich fallen lassen könnte für eine Weile
um neue Kraft zu schöpfen
und wieder stark zu werden
- für mich

Ladina, März 1995
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Verhindert
°°°°°°°°°°
- Eine Chemo beendet
Ausrechnen: bis zum Konzert bin ich sicher wieder fit.
Meine Schwester freut sich und wir planen,
doch als es soweit ist, hat mich ein grosser Infekt lahmgelegt
und ich kann nicht mit!
- Endlich wieder Haare,
das Geschwisterfoto für die Eltern scheint realisierbar.
Wir melden uns an,
doch dann, zwei Wochen vor dem Fototermin, kehrt der Krebs zurück,
wieder Chemo, wieder Glatze, es soll kein Perückenfoto geben.
Der Termin wird abgeblasen, wie schon 3 mal zuvor!
- Geburtstagsgeschenk meiner Schwester,
sie lädt mich in das Musical CATS ein
wir freuen uns Monate darauf,
doch dann Blastenkrise,
zuwenig Blut, zuwenig Abwehrzellen, zuwenig Sauerstoff
eine Bluttransfusion kurz vor dem Musical,
ich bin erschöpft, will aber unbedingt mit,
sitze mit Mundschutz im Publikum.
Ich kann es nicht richtig geniessen und meine Schwester auch nicht!
- Mit dem Fahrrad von St.Gallen nach Salem auf den Affenberg,
früher wäre das kein Problem gewesen, am wenigsten für mich,
doch nun mache ich schon vor Kreuzlingen schlapp
mit blauen Lippen falle ich vom Rad.
Wir müssen umkehren, schaffen es mit Müh und Not nach Hause
und weinen beide vor Verzweiflung!

Wen wundert es, dass meine Schwester sich
immer mehr von mir zurückzieht
und häufiger ohne mich plant und weggeht,
mit Freunden, die zuverlässig und gesund sind,
mit denen man wirklich Spass hat
und Traumziele erreichen kann.

Es tut mir weh,
auch sie immer mehr zu verlieren,
aber ich kann und will ihn nicht böse sein.
Sie will leben und es lustig haben
und das kann sie nicht mit mir,
weil ich ständig Hemmschuh bin
und es wohl immer bleiben werde

Ladina, März 1995
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10 Jahre Leben mit Krebs
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Lange ist es her,
seit ich zum 1.Mal seit der Neuerkrankung nach der Chemo kotzen musste
und dachte: das halte ich keine Stunde mehr aus.

Lange ist es her,
dass ich zur Simulation wieder auf die Bestrahlungsabteilung musste
und glaubte, die bedrückende Stille dort nie zu verkraften.

Lange ist es her,
seit ich in Remission kam
und jubelte vor Glück!

Lange ist es her,
seit Lungenmetastasen bei mir festgestellt wurden
und ich dachte: das ist das Ende

Lange ist es her,
seit ich am Gehirn operiert wurde
und der Eingriff gelang!

Lange ist es her
seit ich die Gehirnblutung hatte
und nichts mehr dachte, als zu sterben.

Lange ist es her,
seit das Spendermark anwuchs
und ich das Leben neu geschenkt bekam.

Lange ist es her,
seit der Krebs zurück kam
und mir weniger als 10% Chancen angerechnet wurden.

Es sind 10 JAHRE, wo ich mit all dem schon zurechtkomme
10 JAHRE Tränen, Einsamkeit, Verzweiflung und Schmerz
aber auch 10 JAHRE immer wieder Glück und tiefe Freude erleben dürfen.
Es sind 10 JAHRE - wer hätte das gedacht???

Ladina, April 1995
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Z'Herz vomana Vatter
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(gwidmat üsaram Fründ, am Mini Mack, alias Roman Bont)

Du fahrscht um d'Welt mit am Trottinett
Tuusigi vo Kilometer nur mit diner Muskelkraft.
Du kunnsch wundi Füass über,
Schwiele an dr Händ
und literwies rünnend Schweissperla vo diner Schtirn.
Aber du denksch nit dra, uufzgäh
Du machsch wieter und kämpfsch.
Du kämpfsch für üs,
wo mir üs iisetzad für chräbskranki Chind
im Privatläba, im Bruaf oder in dr Freiziet
und du kämpfsch vor allem
für di chrankna Chind selber und für ihri Familia
defür, dass sie no bessari Chance überchömid,
defür, dass i ihras Läba wieder Freud drichunnt.
Du müehsch di ab, organisiersch Konzert,
erfüllsch so mengem Chind en grossa Wunsch.
D'Press schriebt über dich unter anderem, dass du chinderlos bisch,
doch din Iisatz für fremdi Chind in aller Welt zeigt mir,
dass du äsjedes vo dene Chind so richtig gääre häscht,
wies eigentlich nur z'Herz vomana Vatter chan.
Z'Kämpfa, allne Widerständ zum Trotz,
sich nit vom Elend abwenda,
dr grenzelos Iisatz fürs Wohl vo da Chind,
selber z'lieda, för dass es am Chind mol wieder besser goht
das alles chan nur es Härz vomana Vatter, wo liebt.
Du bischt für mich nit chinderlos,
denn Dis Härz schloht für üsi Chind
wies eigentlich nur eins chan:
Z'Herz vomana Vatter!

Mir dankad Dir vo Härza för Din Iisatz

Ladina, Mai 1995
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Gefühle einer verwaisten Patin
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Wieder einmal sitze ich auf der Bank beim Spielplatz,
allein, denn Du mein kleiner Schatz bist nicht mehr hier.
Ich schaue den Kindern zu
wie sie fröhlich und ausgelassen herumtollen
und erinnere mich an die Zeit, in der du das auch noch konntest,
an die Zeit, bevor die Kinderkrebsstation
unser neues Zuhause wurde
und du diesen Spielplatz nie wieder in Gegenwart anderer Kinder
geniessen konntest,
wegen der Ansteckungsgefahr.
Wieder und wieder
durchlebe ich in meiner Erinnerung die Zeit,
in der du krank warst.
Eine unendlich schwere, aber auch eindrückliche Zeit.
Zeit der Leiden, des Hoffens - und trotz allem intensiv leben.
Die vielen Stunden
an denen ich an Deinem Bett sass,
dich zu trösten versuchte, die Spuckschale hielt, dir Geschichten erzählte.
Die vielen Versuche
ins Schattendasein Licht zu bringen.
Die vielen Kilometer,
die ich dich auf dem Tropfständer durch die Gänge schob,
wie du mich antriebst "Schneller Gotti, noch schneller!"
und diese Riesenfreude, wie sie nur kleine Kinder empfinden und zeigen können.

Ein Ball, der an mich prallt
reisst mich aus meiner Erinnerung in die Wirklichkeit zurück
und ich schaue wieder den Kindern zu,
die fröhlich sind und herumtollen.

Ein Stück von dir ist mit dabei…

Ladina (geschrieben für Anita Gabathuler, in Erinnerung an Pascal Brägger, 14.April 1991 - 8. September 1994)
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Verrückt!?
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Verrückt nannten mich die Leute
wenn ich ihnen erzählte
dass ich im Juni Fahrradferien in Irland mache.

Verrückt nannten mich die Schwestern
als ich im Spital anfing
das "Crazy Chicken" auf einen Pulli zu malen.

"Du betrügst dich selber", rügten sie mich,
wenn es ihnen endlich gelungen war
mich aus meinen Träumen in die Wirklichkeit zurück zu reissen.

"Es ist einfach unmöglich", das sagten fast alle.

Und doch sitze ich nun hier am Loop Head in Irland
und trotzdem fahre ich die Tour mit wie alle andern.

Und die Zweifler, die zu Hause auf mich warten
nennen es weiterhin verrückt.
Sie können es sich nicht erklären, wie das möglich ist,
denn sie glauben nicht an die Kraft der Träume

Ladina, Juni 1995
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CONNEMARA
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Still und einsam ist sie immer,
die Connemara,
ob nebelverhangen oder im Sonnenschein.
Karg scheint sie
und ohne Leben
und doch liegt in jedem Detail Bewegung
und Leben besonderer Weise verborgen.
Hochmoore und im Wind zitterndes Wollgras.
Glockenheide am Tümpelrand und gaukelnde Schmetterlinge.
Der Geruch von Torf und vorbei ziehende Wolken
das und noch viel mehr sind Zeugen dieses Lebens.
Grün-Braune Töne sind es
welche das Landschaftsbild prägen
und es doch keinen einzigen Moment
öde oder ausdruckslos erscheinen lassen.
Die Weite und Unberührtheit -
- man fühlt sich frei in der Connemara
und doch nimmt sie einen gefangen.
Unmerklich zuerst
aber auch wenn man es realisiert,
man lässt es zu,
man lässt es gerne zu,
denn es ist eine Gefangenschaft,
die weder einengt noch hemmt,
sondern die unsere Seele mit einer Erinnerung füllt,
die wir ein Leben lang nicht mehr vergessen möchten.

Ladina, 24. Juni 1995
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Dimensionen des Lebens
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In der brütenden Glut der Sonne
erinnere ich mich der vergangenen Tage,
an die Hektik auf dem Londoner Flughafen,
die ersten Eindrücke von der Gruppe,
vor allem aber derer der Landschaften, der Stimmungen Irlands.
Da war der blaue Himmel mit den Schäfchenwolken,
darunter unser Weg, wellig, steinig
oder auch für rasante Fahrten geschaffen.
Da waren bunte Blumen, satt grünes Gras,
zwitschernde Vögel, tanzende Schmetterlinge,
da waren Bäume, Hügel, Seen, Bäche und Steine,
kahl oder mit Moos bewachsen.
Da waren aber auch Regentropfen und stürmische Winde,
raschelnde Blätter und der Duft von Torf,
rostige Schiffe und von Freiheit singende Möven.
Da war das Spiel der Wellen,
das manchmal von Übermut,
doch manchmal auch von Wehmut erzählte.
Ich denke zurück wie wir lachten über die Spässe von Edi,
wie wir abend ein hübsches Pub suchten,
wie wir oben beim Leuchtturm die Klippen bestaunten
und ich denke auch an die Musik im Pub von Lisdoonvarna,
die echte Lebensfreude weitertrug und verbreitete.
Ich denke an den Triumph derer, die den Pass erklommen
und die gleichsam grosse Erleichterung jener, denen es zu heiss war
und die sich darum freuten, Paul und den Bus in der Nähe zu haben.
Ich werde mich noch lange
an den vielen Eindrücken dieser Reise erfreuen,
dem Einklang zwischen satten und matten Farben,
dem kühlenden Wind, der strahlenden Sonne,
den Gegensätzen der verschiedenen Landschaften dieser Insel,
die trotzdem eine tiefe Harmonie ausstrahlt
- sowie an dem fantastischen Zusammenhalt unserer Gruppe.

Ich bin glücklich, dass ich hier sein durfte nach langen Krankenhausaufenthalt.
Ich habe meine Kraft wieder gespürt,
Düfte gerochen, Geräusche gehört, Wollgras gefühlt,
Farben und Formen gesehen.

Und in allem entdeckte ich immer wieder
Dimensionen des Lebens,
ja Dimensionen auch meines neu gewonnenen Lebens!

Ladina, 24.Juni 1995 (geschrieben beim Peacock-Center, dem Endpunkt unserer Baumeler-Irland-Velo-Reise)
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Hochgefühle oder Leben heisst, trotz Krebs mit dem Fahrrad Pässe fahren
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Wer hätte es mir wohl zugetraut,
dass ich jemals wieder Alpenpässe mit dem Fahrrad bewältigen kann,
dass ich auch den Aufstieg schaffe ohne vom Rad zu fallen.
Wer hätte es mir noch zugetraut, ausser mir?
Wer hätte nicht gezweifelt,
wer hätte nicht mit Sorge auf mich gewartet.
Doch ich habe es ganz allein geschafft,
niemand hat mich angestossen
oder auf halber Strecke aufpäppeln müssen.
Ich habe etwa 3 mal so lang gebraucht wie früher um die Lukmanierpasshöhe ,
etwa 5 mal so lange um die Oberalppasshöhe zu erreichen,
doch Zeit und Schnelligkeit zählt nicht mehr für mich.
Ich bin angekommen, allein und ohne fremde Hilfe,
habe diesen Kampf bestanden,
nehme viele wertvolle Eindrücke mit heim
und ich weiss nun und spüre es deutlich,
dass es auch ein Leben nach Krebs geben kann.
Ein Leben voller Freude und Vitalität, fast genauso wie vorher
oder sogar reicher,
weil man eine Art Weisheit entwickelt
und die Nebensächlichkeiten, die früher noch wichtig waren, nicht mehr sucht,
dafür die tatsächlichen Wunder in sich aufsaugt.
Es zählt nicht mehr, als Erste oben zu sein,
sondern überhaupt oben zu sein.
Es zählt nicht mehr die Medaille mit Prägung, die man auf dem Heimweg stolz um den Hals trägt,
sondern nur das, was sich in der Seele als unauslöschliche Erinnerung einprägt und was man im Herzen trägt.
Krebs bedeutet nicht das Ende aller Aktivitäten.
In guten Zeiten kann man trotzdem Spass am Leben haben.
Man kann sogar Pässe fahren.
Es geht vielleicht etwas länger als früher bis man oben ist
- aber es geht!

(Kräfte sichtbar werden lassen heisst, das Leben wieder in sich fühlen)

Ladina, August 1995
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Das Gute an der Erinnerung ist,
dass sie schöne Erlebnisse in sich birgt
und immer neu aufflackern lässt
gerade dann, wenn alle andern Lichter
ausgelöscht worden sind.

Ladina, August 1995
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Auferstehung
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Auferstehung ist es für mich
wenn ich nach langen Wochen des Gelähmtseins
wieder erste Schritte tun kann.
Auferstehung ist es für mich
wenn nach Monaten der Kahlheit
mein Haar wieder zu wachsen beginnt.
Auferstehung ist es für mich
wieder einen lieben Menschen in die Arme zu schliessen
nachdem ich lange kraftlos am Tropf hing.
Auferstehung ist es für mich
wieder selbst ein Danke aussprechen zu können
nachdem ich lange sprechunfähig war.
Auferstehung ist es für mich
wenn Mundgeschwüre heilen
und ich wieder einen Apfel essen kann.
Auferstehung ist es für mich
nach Wochen der Bettlägrigkeit
einen Regentropfen auf der Haut zu spüren.

Jedes Mal, wenn sich Schweres in Gutes wandelt,
immer, wenn ich das Leben in mir oder um mich wieder spüre,
dann ist das für mich, als ob ich auf ein Siegertreppchen steigen dürfte.
Dann möchte ich die ganze Welt umarmen,
alle anlachen,
die Freude über meine zurückgewonnene Normalität mit allen teilen,
die um mich sind.

Doch oft spüre ich, dass man mich nicht versteht,
mit dieser Glücksseligkeit über scheinbar "Selbstverständliches".

Ladina, August 1995

WICHTIG, bitte beachten:
Meine im Krebsforum.ch verfassten Beiträge und Gedichte (Urheberrecht) dürfen in anderen Foren, oder HP’s nicht ohne meine persönliche Zustimmung kopiert oder veröffentlicht werden.
Zuletzt geändert von Ladina am Sa 8 Aug 2009 21:49, insgesamt 1-mal geändert.

Ladina
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Gedichte aus meinem 3.Band: Wie eine Feder so leicht I

Beitragvon Ladina » Sa 2 Feb 2008 18:16

WICHTIG, bitte beachten:
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Kranker, weisser Vogel
*******************
Kranker, weisser Vogel
du wähntest dich einen Sommer lang gesund,
bist frei geflogen, wohin es dich trieb
hast Traumziele erreicht.
Doch die unbeschwerte Zeit ist vorbei
kranker, weisser Vogel
wieder hat Deine Krankheit
und damit der Tod
die Hände nach Dir ausgestreckt.
Der blaue, lichte Himmel des Sommers ist düster geworden.
Du schwebst in Gefahr, dein Leben ist wieder bedroht.

Vor dir liegt eine andere Welt
Du weißt um die Unbeschwertheit dort,
du weißt um das Licht, die Wärme, die klare Luft.
Du weißt, dass du dort für immer gesund sein würdest.

Aber ich sehe Dir an,
dass Du nicht wirklich dort hin willst,
noch nicht!
Du schwebst zwar in die Richtung
aber dich zieht es mit aller Kraft auf die Erde zurück.
Dort sind die Menschen, die du liebst
und die Landschaften,
in denen du dich, auch wenn du krank bist,
gesund und glücklich fühlst.
Zu ihnen möchtest Du zurück.

Mit goldenen Bändern sind zwei Gewichte
an deinen Füssen festgebunden,
sie wirken klein und unscheinbar,
machtlos und mickrig
aber sie wiegen schwerer und sind viel stärker
als die meisten glauben.

Kranker, weisser Vogel
hab keine Angst
solange du kämpfst
kann alles möglich werden

Ladina, Dezember 1995
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Prioritätenwechsel
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Ein Chemotag,
doch er ist wie geschaffen für dich
trocken, hell, aber nicht so heiss
und du fühlst dich gut genug um etwas Schönes zu unternehmen.
Es wäre dein Chemotag,
doch seit deine Chancen zu siegen noch tiefer gesunken sind,
bist du diesem Tag nicht mehr widerspruchslos verpflichtet.
Du hast dir die Freiheit geben lassen, abzusagen,
endlich kannst du ohne schlechtes Gewissen
von deinem Recht Gebrauch machen,
Nein zu sagen.
Und obwohl es rein äusserlich so aussieht,
als würdest du dich mit dieser Liederlichkeit
dem Tod förmlich in die Hände spielen
fühlst du dich seltsamerweise nicht von ihm bedroht,
weil für dich an solchen Tagen nur noch die freudigen Empfindungen
wichtig sind.
Du setzt die Prioritäten anders,
weil du weißt, dass die Krankheit ihren Lauf nimmt,
ganz egal, was du noch unternimmst.

Es gilt nun im Grunde nicht mehr
die Krankheit zu besiegen
sondern das Leben zu gewinnen

Ladina, Dezember 1996 (nach einem Gespräch mit Regula Trütsch)
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Ich allein
********
Es ist dunkel um mich
meine Augen sind zugeschwollen
und ich liege im Bett in Quarantäne,
warte auf die Injektion.
In der Dunkelheit werden Geräusche
zu einer wichtigen Orientierungsquelle ¬
Ich höre geschäftiges Treiben auf dem Gang meiner Einheit,
Stimmen,
das Klappern von Birkenstock-Sandalen,
Klirren,
Brechgeräusche aus dem Zimmer von Kathrin.

Mitten in der Konzentration auf die unterschiedlichen Töne
fühle ich, wie etwas Warmes aus meinen Katheter fliesst und verklebt.
Das kann nur Blut sein!
Ich klingle - schon ist eine Schwester da.
"Oh Gott, oh Gott!" ruft sie und vergisst,
dass dies mich, die ich nichts sehen kann, in Panik versetzt.
Sie holt Verstärkung
und schon bin ich auf einem Schragen,
flüchtig zugedeckt,
und sie eilen mit mir fort.
Es ist hart, ungemütlich und kalt.

Kurz darauf nehme ich einen roten Schein
durch die verschwollenen Lider wahr.
Der Arzt, bei dem ich jetzt bin, sieht offenbar auch Rot.
Massenhaft quillt Blut aus meinem Katheter.
Der Arzt redet behutsam auf mich ein,
erklärt mir, was er tun wird,
beruhigt mich, er habe das im Griff.
Er hat Zeit, obwohl es Sonntag ist.
Es gelingt ihm, die Blutung zu stillen
und ich werde wieder zurück auf die Station gefahren.

Leider hält der Erfolg nicht lange hin,
durch die Erschütterung auf dem Schragen
oder weiss nicht wieso,
beginnt die Blutung erneut.
Also rechtsumkehrt und wieder zurück.
Diesmal reagiert der Doktor sauer
"Was, schon wieder die?"
Er beschimpft die beiden Schwestern als unfähige Leute.
Gröber als vorhin hantiert er an meinem Bauch herum,
ich schlottere vor Kälte und er knurrt mich an:
"Halten Sie doch bitte still, ja! Sonst komme ich hier vor Mitternacht nicht mehr raus!"
Ohne Vorwarnung sticht er mit einer, wie mir vorkommt, groben Nadel
wenig oberhalb des Katheters etwas ein.
"So fertig, jetzt machen Sie aber keine Dummheiten mehr!"
mit diesen Worten verabschiedet er mich,
oder meint er damit die Schwester?

Wenig später folgt meine Injektion.
Brechreiz setzt unmittelbar danach ein.
Meine Brechschale ist nicht am gewohnten Platz.
Ich kann sie nicht finden!
Sie müssen sie wegen dem Notfalltransport weggestellt haben,
es bleibt mir keine Zeit zu klingeln,
ich werfe mich auf die Seite und schon kommt es mir hoch.
Eine Schwester hört das Geräusch,
sieht nach und entdeckt die Bescherung
"Wo haben Sie denn Ihre Brechschale?" ruft sie
und als ich nur die Schulter leicht zucke, faucht sie:
"Also Mädchen, so geht das wirklich nicht.
Schwester Mary bringt einen neuen Übelkübel
und sagt der andern, dass es gar nicht meine Schuld ist.

Einen Tag später,
Verlegung in eine andere Klinik
Dort sind sie spezialisiert auf die Behandlung meines Tumors
Ich werde gleich dem Chefarzt vorgestellt:
"Voilà, das Rhabdomyosarkom LIM, ABD, Stadium IV ist da!"
Es ist schrecklich, mit solchen Worten angemeldet zu werden,
wissen die das denn nicht?

Er fängt an mich zu betasten,
er schaut sich den Geräuschen nach meine Bilder von MRI und CT an,
er blättert in meiner Akte.
"Da fragt man sich, wer zäher ist, der Tumor oder die Patientin"
höre ich ihn sagen
und eine andere Stimme sagt: "Wenn ich sie nicht sähe, tät ich das nicht glauben."
Erst da wird mir bewusst, dass 2 Personen mit mir im Raum sind!
Wer ist der andere. Warum ist er dabei?
Ich erfahre es nicht.
Ohne je bei meinem richtigen Namen genannt worden zu sein,
werde ich verabschiedet.

Zurück auf meiner alten Station
erwartet mich eine Überraschung.
"Sie haben Post!" ruft mir Sr. Helen zu, "soll ich Ihnen vorlesen?"
Sie liest mir die Karte von Therese vor
und drückt mir danach ein Päckchen in die Hand.
Die erste Kassette ist angekommen!
Sie ist von Inge!
Nichts hält mich mehr
und ich höre sie mir an.
Sie ist wunderschön.
Inges Stimme tut mir gut,
was sie erzählt, macht mich froh.
Die erste Freude an diesem schweren Tag
und doch,
jetzt erst schiessen mir Tränen in die Augen,
ich höre die Kassette mit den tröstenden Worten
und den Geschichten
und weine dabei, so sehr, wie schon lange nicht mehr.
Tränen der Rührung, sind es, die da fliessen,
Tränen der Freude,
weil mich hier jemand bei meinem Namen oder dem
liebevollen Übernamen nennt,
Tränen, weil sich hier jemand meiner Verletzlichkeit bewusst ist,
und nicht, wie so viele, auf meiner Seele herum trampelt,
sondern sich ihrer behutsam annimmt.
Tränen der Sehnsucht nach Barbara und Inge und Therese, überhaupt nach der Schweiz.

Plötzlich berührt mich jemand am Arm,
ich erschrecke, stelle den Walkman ab
und höre eine fremde Stimme, die sagt:
"Ich bin die Psychologin hier, erzählen Sie mir,
was Sie so zum Weinen bringt!"
Ich bleibe stumm, wende mich zur Seite,
aber sie versteht nichts und drängt weiter, bohrt weiter.
Ich schüttle den Kopf: "nein, das erzähle ich nicht jedem!"
Sie will es nicht akzeptieren, dass ich meine
eigenen Vertrauenspersonen habe
und drängt weiter: "Erzählen Sie es mir doch, bitte!"
Doch es bleibt dabei. "Nein", sage ich
und endlich geht sie,
bitter enttäuscht von mir,
weg.

Jeden Tag muss ich,
ob ich will oder nicht
meinen Körper fremden Menschen überlassen
ihnen Einblick in jedes meiner Organe gewähren,
doch wem ich meine Seele öffne,
das bestimme ich,
ich ganz allein!

Ladina, Dezember 1995
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Blumen in der Dunkelheit
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Verloren fühle ich mich in meinem Lebensmeer,
beraubt meiner Kraft
zu wenden
zu fliehen
zum blossen Dahintreiben gezwungen
hin und her gerissen in den stürmischen Wassern
dem Kentern
dem Untergehen nah.

Über meinem Abgrund
zum Greifen nah
befindet sich der Himmel.
Schwarz und bedrohlich ist er,
wie die Trauer, die Verzweiflung in mir.

Doch da funkeln auch Sterne,
die werfen ein friedliches Licht auf mich.
Und da sind Menschen,
die streuen schon jetzt
Blumen für mich
und nicht erst an meinem Grab.

Blumen, die auf Steine fallen
machen sie weicher
und Blumen am stockdunklen Himmel
wirken bunter noch, als sie es sonst wirklich sind.
Sie machen die Nacht erträglicher,
sie trösten mich in meinem Schmerz,
sie geben mir Zuversicht und Kraft
sie erhalten mich am Leben!

Tröstende Worte sind wie Blumen in der Dunkelheit.

Ich danke Euch!

Ladina, Dezember 1995
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Erinnerungen an meinen Freund
***************************
Ist es Zufall,
dass wir uns unter einer Trauerweide zum ersten Mal trafen?
Wir,
zwei vom Schicksal zusammengeführt
wir,
zwei junge Leute, die gegen den Killer Krebs kämpften
jeder für sich
doch nun auch irgendwie gemeinsam.
Unser Lebenswille,
stark wie dieser mächtige Baum,
doch in uns oft auch Trauer über unsere Machtlosigkeit.
Von nun an lief nichts mehr ohne den andern,
wir waren immer zusammen
im Spital und in den Therapiepausen daheim.
Oft trafen wir uns unter der Trauerweide.
Sie war schon vorher unser beider Lieblingsbaum
und unser Symbol.
Wir verbrachten ein wundervolles Jahr,
wir verlobten uns und wollten heiraten.
Doch am 10.Oktober 1990.
hat Dich mir Dein Krebs für immer genommen.
Uns war keine gemeinsame Zukunft vergönnt.

Oft sitze ich jetzt allein
unter unserem Baum,
dort fühle ich mich Dir noch immer so nah
und wenn der laue Herbstwind
mich sanft umbläst,
denke ich noch heute,
dass Du es bist, der mich streichelt.

Ladina, Dezember 1995
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Im See
°°°°°°°
Dort,
wo im Sommer die Enten schwimmen,
die wir so häufig besuchten und fütterten
dort bis du jetzt auch.
Dort,
wo die Menschen glücklich sind,
wo Schiffe fahren, wo Fische leben, wo Wellen spielen
und kleine Kinder Steine hineinwerfen,
dort hat man deine Asche hingebracht.
Du wolltest nah am Leben bleiben auch im Tod,
du wolltest weiter kommen,
wolltest dich zwischen den Ufern bewegen,
wolltest tanzen im Wind,
wolltest mit den Möven singen und lachen
wolltest übermütig sein und mit den Gestirnen in Verbindung bleiben.
Was durch den Tod auf deinen Lippen erstarb
und dir im Leben verwehrt worden ist,
holst du dir jetzt zurück
und du lädst uns ein, es dir gleichzutun.
Es ist schön, an diesen See kommen zu können
und dir zu begegnen,
in den Erinnerungen an gemeinsam erlebte Tage hier
und an unsere Nacht auf dem Wasser im Segelboot,
wo du auf dem Saxophon über 2 Stunden das Stück "Sailing" spieltest.
Es ist schön und tröstlich zu wissen,
dass du auch nach dem Tod wieder dort hin wolltest,
wo du am liebsten warst
und wo wir zwei unsere schönsten Tage verbrachten…

Ladina, Dezember 1995
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Zwischen Grenzen
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Seit es mich gibt,
bewege ich mich immer zwischen Grenzen
schon bei meiner Geburt
schwebte ich zwischen Leben und Tod
und egal, nach welcher Seite ich mich orientiere,
scheine ich doch vielen fehl am Platze zu sein,
wie ein Tagfalter,
der dem Mond entgegenfliegt
und keine Blume mit süssem Nektar findet,
weil sie doch nachts alle verschlossen sind,
sich aber seelisch nährt am Licht des Mondes.
Ich bin jung und sehr krank
einige sagen, sie ist zu jung zum Sterben
und andere sagen, sie ist zu krank zum Leben.
Ich selbst bin eine Kämpferin geblieben
zwischen den Fronten des Lebens und der Menschen,
des Ja und des Neins,
des Fragezeichens und der eindeutigen Antwort.
Die Krankheit setzt mir immer neue Grenzen,
verschiebt sie je nach Lust und Laune,
doch dazwischen bleiben Möglichkeiten
zum Leben
zum Glücklichsein
und zum Geniessen.
Die nutze ich, solange ich noch Kraft in mir spür.

Ladina, (zu einem Bild)
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Swim Home
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Siehst du die blauschimmernde Perle dort
wie sie in einem Blatt geborgen
ganz leise von hier weg schwimmt?
Menschen hatten sie in Gold gefasst
um sie wertvoller erscheinen zu lassen
aber damit ist ihre Reinheit und Schönheit verfälscht worden.
So eingezwängt hat sie sich nie wohl gefühlt,
doch erst jetzt, wo ihre Zeit um ist,
zerspringt die Fassung und sie ist wieder frei.
Perlen und Menschenseelen halten es genau gleich:
Wenn ihre Zeit vorbei ist, lassen sie ihre Umhüllung zurück
und ursprünglich, wie sie einst gekommen sind
schwimmen sie dorthin zurück,
wo sie erschaffen wurden…

Ladina, (zu einem Bild)
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Zuflucht im Licht
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Immer wieder muss der Seelenvogel Vertrautes hergeben
immer wieder wird er erschreckt und verscheucht
immer wieder verliert er seine Heimat
immer wieder werden die Überlebensräume seiner Träume zerstört.
ABER solange er noch einen Ort kennt,
an dem er Geborgenheit erfährt,
an dem es Wärme, Licht und Freude gibt für ihn,
SOLANGE stirbt die Hoffnung nicht,
solange gibt es Halt für ihn,
solange werden neue Träume geboren
solange ist Zukunft kein leeres Wort.

Solange er auch nur einen einzigen solchen Ort kennt
solange ist ihm neues, tiefes Glück gewiss.

Ladina (Zu einem Bild)
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Kein Wundermittel auf der Welt
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"Es gibt nichts mehr was wir für Dich tun können!"
Alle von uns fürchten wir diesen schrecklichen Satz,
der manchem von unseren Freunden schon gesagt wurde.
Heute hast du diese Nachricht erhalten,
lange erahnt und doch unvorbereitet
wie ein Schlag ins Gesicht traf sie dich.
"Es gibt nichts mehr, was gegen den Tumor noch wirksam ist"
Ein Satz, leise gesagt und doch voller Ausrufezeichen.
Du fühlst dich wie betäubt und irgendwo schon tot,
haltlos, als hätte man dir den Boden unter den Füssen
weggezogen,
fällst Du in ein unendlich tiefes Loch der Verzweiflung.
Der Arzt verspricht dir, dass Du nicht leiden musst
und verschreibt dir Morphin gegen die Schmerzen,
die ungehemmt wuchernde Krebstumore verursachen.
Doch Leiden hat viele Gesichter.
Nicht nur Schmerz ist Leiden.
Wohin mit Deinen Ängsten, deiner Traurigkeit,
deiner Verzweiflung und den bohrenden Fragen,
die keiner beantworten kann???
Sie sind oft noch quälender als Schmerzen oder verstärken diese.
Kein Wundermittel der Welt kann sie einfach wegzaubern.
Sie begleiten dich auf diesem letzten Wegstück
und du kannst dir nicht vorstellen,
dass sie jemals aufhören werden
sich an dich zu klammern.

Ladina, (für Astrid) März 1996
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Ich au
°°°°°°
Sie isch im 92gi chrank worde
ich au
sie hät es Rhabdomyosarkom
ich au
sie hät mengi Chemo und viel Bestrahlige müesse erträga
ich au
sie hät versuecht, normal wieter z'läba
ich au
sie hät vill dr Moralisch gha, aber au glücklichi Ziete erläbt
ich au
sie isch in Remission cho
ich au
sie hät gjublet und gmeint, sie segi jetzt gsund
ich au
aber zmol hät sie en neue Buggel gspürt
ich au
sie hät müesse erfahre, dass dr Chräbs wieder do isch
ich au
sie hät dr Kampf nomol uufgnoh
ich au
wieder Chemo und Bestrahlige duregmacht
ich au
S'hät nüt meh gnützt,
sie mues bald schtärba

ich au?

Ladina, März 1996

Ich auch?
°°°°°°°°°
Sie ist anno 1992 erkrankt
ich auch
sie hat ein Rhabdomyosarkom
ich auch
sie hat Chemotherapien und Bestrahlungen hinter sich
ich auch
sie versuchte, normal weiter zu leben
ich auch
sie war oft deprimiert, hat aber auch schöne Zeiten erlebt
ich auch
sie kam in Remission,
ich auch
sie hat gejubelt und dachte, sie sei gesund
ich auch
aber dann entdeckte sie einen neuen Knubbel
ich auch
sie erfuhr, dass der Krebs wieder da ist
ich auch
sie nahm den Kampf nochmals auf
ich auch
sie machte noch eine stärkere Chemo und wieder Bestrahlung durch
ich auch
Es hat nichts genutzt,
sie wird bald sterben

ich auch?

Ladina, März 1996
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Kleines Licht in der Dunkelheit
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Meine Ferien im so sehr geliebten Irland,
monatelang mit Freude erwartet,
hart dafür gekämpft und scheinbar gesiegt.
Unverhofft neue Beschwerden.
Nur ein kurzes Tasten,
ein ernster Blick des Arztes
ein Wort: "AUS!"
ein stilles Kopfschütteln, das laut zu schreien scheint:
"Vergiss es, du kannst so nicht fort!"
Vorbei der Traum von Ferien,
von Erholung,
einem Hauch von sich gesund fühlen.
Vom eigenen Körper verraten,
schon wieder, immer wieder
ohne Rücksicht auf meine Gefühle.
Ein Mund, der tröstend spricht:
"Vielleicht ein andermal"
aber Augen, die verstohlen flüstern:
"doch wahrscheinlich nie wieder…"

Fassungslos sein, explodieren,
meine Selbstbeherrschung verlieren,
vor mir selber erschrecken,
mich selbst nicht mehr kennen
mir fremd sein und doch
die Gefühle in mir spüren
und wissen, sie gehören zu mir.

Den Satz nicht hören wollen,
mit dem ich mich sonst selbst oft tröste:
"Es hat alles seinen Sinn"
Den Arzt, der dies sagt, anschreien: "dann sagen Sie mir diesen gottverdammten Sinn. Ich will ihn wissen. SOFORT!"

Betretene, betroffene Gesichter,
beschwichtigende Worte
"So beruhigen Sie sich doch."

Nein!!!
Mich nicht beruhigen können
Ausser mir sein
um mich schlagen.
Niemand von denen an mich heran lassen.
Es einfach nicht verstehen!!!
Warum? WARUM???!
Wütend sein auf meinen Körper,
der diese Krankheit einlässt,
zu schwach ist, sie zu besiegen.

Flehende Worte meines verzweifelten Arztes,
der mich noch nie so erlebt hat
"Versteh doch, es geht nicht!"

Es vom Verstand her längst begriffen haben,
die Hoffnung loslassen, der Verzweiflung Platz machen,
mich äusserlich beruhigen,
zusammensinken wie ein Kartenhaus.
Innerlich vor einem Scherbenhaufen stehen,
fast draufgehen vor seelischem Schmerz.

"Schlafen Sie drüber, morgen ist es nur noch halb so schlimm!"
Worte von Menschen, die keine Ahnung haben.

Überhaupt nicht schlafen können.
Es vielleicht gar nicht wollen.
Zu kostbar ist die Zeit.
Grübeln. Wie weiter?
Immer wieder die Frage: Warum?
Selbstmitleid.
Endlich Tränen.
Fast ersticken beim Weinen,
den Kopf unter dem Kissen vergraben,
bis die Luft knapp wird,
die Seele nahe dran, sich am Körper zu rächen.
Nahe dran, für einmal den Körper zu verraten.
Das erste und letzte Mal,
doch die Kraft dazu fehlt.

Dann ein kurzer, lichter Gedanke
inmitten dieser Dunkelheit,
an einen Menschen, an ein Land, an den Sommer,
das Kissen wegwerfen
mich aufbäumen mit meiner Seele, meinem Körper, meinem Geist
wieder Kraft spüren
Lebenskraft
Kraft zum Kämpfen.

Noch einmal, aber intensiver denn je, LEBEN wollen

Ladina, Mai 1996
*************************************************
Rückfall
°°°°°°°°
Wieder zurück geworfen
in die Abgründe des Lebens.
Wieder gefangen
in der Dunkelheit,
ohne Möglichkeit zu entkommen.
Wieder dazu verdammt
im Tunnel der Angst, des Schmerzes und der Verzweiflung
eine lange Zeit zu verharren,
allein, ohne jemanden, der mir meine inneren Wunden pflegt.
Was bleibt
ist die Erinnerung
an ein kurzes Stück Weg im Sonnenschein.
Was bleibt
ist der Traum
dass es irgendwann wieder so schön werden wird.
Was bleiben muss
ist HOFFNUNG

Ladina, Mai 1996
***************************************************
Durch die Maschen deines Gefängnisses
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Du warst jung, fühltest dich leicht wie ein bunter Schmetterling
und erreichtest jede Blume,
bis du plötzlich ins Netz der Krankheit gerietst.
Jede deiner Bewegungen wird jetzt von ihr bestimmt.
Alles scheint dir schwarz und bedrohlich,
du fühlst dich ausgeliefert und allein.
Doch schau!
Durch die Maschen deines Gefängnisses
siehst du noch immer die Farben des Lebens.
Erst empfindest du es noch als ungerecht,
die Schönheit bisweilen nur aus der Distanz betrachten zu können,
aber bald wirst du dich freuen, dass du sie sehen kannst.
Wenn alles so grau und schmerzlich ist,
mach deine Augen zu
und flieg in deinen Träumen über bunte Blumenwiesen.
Bewahr sie dir,
die Erinnerung an das Schöne
und die Blicke über dein Gefängnis hinweg hinaus in die Freiheit.

Sie werden dir Kraft zum Kämpfen geben!

Ladina, August 1996 (zu einem Bild)
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Nahrung für die Seele
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Heute ist wieder Transfusionstag.
Körperlich am Nullpunkt, seelisch weit darunter
so steige ich ins Taxi, das mich ins Spital bringt
und ich frage mich, wie lange ich das alles noch aushalten kann.
Mit dem Rollstuhl werde ich in mein Zimmer geschoben
wo ich mich erschöpft aufs Bett lege.
Frage nach meinem Befinden,
Hantieren an den Schläuchen,
die obligatorische Blutentnahme für die Blutgruppenkontrolle + den Quick,
der sowieso katastrophal ausfallen wird.
Dann endlich der Beutel mit dem kostbaren Saft.

Umgeben von steriler Leblosigkeit
so liege ich da - stundenlang,
während das Spenderblut in meinen Körper gelangt.
Alles was mich umgibt, ist weiss, kalt oder durchsichtig,
kaum jemand spricht mit mir,
es ist alles schon gesagt worden.

Dann ist die Konserve leer, Schläuche abhängen, desinfizieren,
steril verpacken, gut fixieren an meinem Bauch.
Termin für die nächste Kontrolle,
noch 2 Stunden ruhen und dann bin ich entlassen.

Der Körper wieder fit, doch die Seele noch immer so müde,
so verlasse ich das Spital.

Es ist höchste Zeit zum Mittagessen,
aber ich habe ganz andern Hunger.
Mich zieht es hinaus in die Natur
wie immer nach der Transfusion.

Ich gehe spazieren, ob bei Sonne oder Regen.
Ich brauche das.
Hautnahe Begegnungen mit der Natur sind es,
die meine Seele wieder munter machen.
Düfte, Blumen, Farben, Berge und Wasser,
Sonne oder Regentropfen - ich geniesse jeden Augenblick
und sauge alles in mich auf.
Das Zwitschern der Vögel lässt meine Seele tanzen,
der Duft von frischem Heu erfüllt sie mit Leichtigkeit,
die Farben einer Blumenwiese machen ihr Dasein wieder bunt,
die Berge wecken Sehnsucht, ihre Gipfel zu erreichen,
das Wasser ist Sinnbild für das Leben überhaupt,
die Stille lässt mich meinen Herzschlag spüren
und erfüllt mich mit einem Gefühl von Triumph.

Ein Spaziergang in der Natur macht meine Seele stark
für die kommenden Tage.

Ich werde noch lange Blut brauchen
um meinen Körper zu erhalten
aber immer wieder
wird es die Natur sein,
die mir Kraft zum Leben gibt

Ladina, Mai 1996
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Einfach LEBEN
°°°°°°°°°°°°°°
Heute vor 11 Jahren, es war auch ein Montag,
erfuhr ich, dass ich Krebs habe.
Ich sollte keine 3 Jahre mehr leben
und doch bin ich noch immer hier.
Bewunderung schwingt in vielen Stimmen,
fast Gratulation zu diesem besonderen Krebsgeburtstag,
den nicht viele sooft "feiern" können.
Nach aussen gebe ich mich heute souverän,
wie es innen aussieht interessiert eh keinen.
Alle wollen sie nur bewundern, keiner kann und will sich vorstellen,
wie das ist!
11 Jahre lang immer wieder kämpfen,
die Krankheit nicht eine Sekunde lang wirklich ganz zu vergessen,
alles nach ihr ausrichten müssen,
Zukunftspläne nur unter Vorbehalt überhaupt schmieden zu können.
Es zehrt jeden Tag an meiner Kraft
und meine Sehnsucht nach Ruhe wächst.
Wie gerne würde ich mich mal hängen lassen,
einfach in den Tag leben
nur einen Tag mich einfach gehen lassen.
Ich kann dieses ewige Unter-Druck-Stehen,
diese ständige Anspannung
kaum noch aushalten
und wünsche mir immer öfter,
all meine Waffen weglegen zu können
und einfach so leben zu können.
Doch schon ein einziger Tag des Aufgebens
kann die ganzen Jahre des Kampfes
sinnlos machen

Ladina, Juni 1996
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Die Melodie der Lebensfreude
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Man hört sie nur noch selten,
meistens noch bei kleinen Kindern,
die Melodie der Lebensfreude.
Sie geht unter in der Hektik des Alltags
sie wird erstickt im Lärm,
verkümmert in dieser leistungsbetonten Gesellschaft.
Manchmal kann man,
da und dort,
ein paar Töne aus dieser Melodie vernehmen,
aber kaum einmal erklingt sie ganz,
die Melodie der Lebensfreude
und oft, zu oft
lebt sie nur noch auf unter der künstlichen Einwirkung vom Fernseher,
vom Radio oder wenn jemand lustige Witze erzählt.
Es tut gut,
Bruchstücke dieser Melodie dann und wann zu hören,
doch es stimmt mich auch nachdenklich
und ich hoffe,
dass wir es noch nicht verlernt haben,
diese Melodie aus uns selbst zu erzeugen,
denn kein Instrument
hat einen solch bezaubernden Klang,
kein Mensch der Welt
eine solch ausdrucksstarke Stimme,
als dass sie diese Melodie schöner erklingen lassen könnten
als ein glückliches Lachen
tief aus der Seele

Ladina, Juli 1996
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Trostlos
°°°°°°°°
Wenn es bei dir wieder nur schlechte Neuigkeiten gibt,
wenn die letzte Hoffnung auch noch eingestürzt ist
wie ein angesägtes Gerüst,
wenn nicht ein Funken deiner Zuversicht am Leben geblieben ist,
dann spürst du das tiefe Bedürfnis,
Menschen, die du magst anzurufen,
dich hilflos zu zeigen,
deiner Verzweiflung freien Lauf zu lassen,
nicht um Mitleid zu erwecken, aber um etwas Trost zu bekommen.
Doch nur selten rufst du jemanden an.
Oft bleibst du allein,
lässt niemand von deinem Kummer wissen
und wartest solange, bis sich irgendwo ein neuer
Hoffnungsschimmer zeigt.
Erst dann rufst du die Freunde an
und erzählst, was dir Schlimmes passierte
und wenn sie dann betroffen sind,
und hilflos nach tröstenden Worten für Dich suchen
dann kommst du ihnen zuvor
und tröstest sie.

Ladina, Juli 1996
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Das Gesicht der Hoffnung
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Lange Jahre, wenn du dich im Spiegel angeschaut hast, hat dir ein Glatzengesicht gegenüber gestanden, konturlos ohne Brauen dazu.
Am Anfang hast du deine Glatze gehasst
und dich versteckt.
Aber irgendwann wurde dir klar,
dass die Glatze ein deutliches Zeichen von Hoffnung war,
denn solange es eine Therapie für einen gibt, ist man nicht verloren
und von da an gelang es dir immer öfter,
deinem Spiegelbild und auch den Leuten draussen
ein aufrichtiges Lächeln zu schenken.

Die Menschen um Dich aber schauten bekümmert drein
Sie glaubten dich dem Tode nah.
Die Glatze war für sie nur das Merkmal einer Sterbenskranken.
Wenn du ihnen erzählt hast, dass es grosse Hoffnung gäbe,
lächelten sie ein wenig,
aber nachher sagten sie hinter deinem Rücken:
"Das Kind kann die Tragweite seiner Krankheit nicht erfassen,
welch ein Glück!"

Am 14. März 1996 sagten dir die Ärzte,
dass dein Tumor therapieresistent geworden ist
und weitere Chemos und Bestrahlungen sinnlos wären.
Und nun?
Ein in den letzten 11 Jahren sehr selten gewordenes Bild
bietet sich allen, die dir begegnen
und dir selber,
wenn du in den Spiegel schaust.

Dein Kopf ist bedeckt mit braunen Naturlocken.
Viele, die um deine Krankheit wissen,
freuen sich an dieser Haarpracht,
sie bewundern sie und fahren mit der Hand drüber,
staunen, wie kräftig doch das Haar ist.
Sie strahlen und sind glücklich.
Sie sagen dir: "Schön, dass es dir so gut geht!"
Sie setzen Haare mit Gesundheit gleich und ahnen nicht,
dass es dir jetzt schlechter geht als je zuvor,
weil keine Therapie dir mehr helfen kann gegen den Krebs.

Sie sind alle nur Zaungäste;
ihnen fehlt das Insiderwissen,
dass Haare zwar für einen geheilten Patienten das höchste Glück bedeuten,
für jemanden wie dich aber tagtäglich auch ein Zeichen dafür sind,
dass deine Zellen,
die guten wie die bösen,
sich unaufhaltsam teilen und immer mehr werden.

Trotzdem versuchst du zu lächeln.
Die Leute würden deine Traurigkeit im Moment nicht verstehen
und höchstens sagen: "Sie hat es in der schweren Zeit verlernt,
sich zu freuen."

Sie wissen nicht, dass das Gesicht der Hoffnung
nicht immer Locken trägt.

Du weinst nur, wenn es niemand sehen kann und dann tröstest du dich selber, geniesst das Gefühl, über die weichen Haare zu streicheln,
denkst, dass es schön ist, jetzt im Sommer,
den Kopf nicht mit Sonnencreme einschmieren zu müssen.
Du freust dich auch unter die Leute gehen zu können,
für einmal ohne Angst, im Rummel die Perücke oder das Kopftuch zu verlieren.

Doch ich glaube es dir aufs Wort wenn du sagst,
du würdest viel dafür geben,
statt des Lockenkopfes
noch einmal, wie ich gerade, eine Glatze zu tragen
und mit ihr noch ein Stückchen Hoffnung zu haben

Ladina, (für Astrid) August 1996
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WICHTIG, bitte beachten:
Meine im Krebsforum.ch verfassten Beiträge und Gedichte (Urheberrecht) dürfen in anderen Foren, oder HP’s nicht ohne meine persönliche Zustimmung kopiert oder veröffentlicht werden.

Zwischen zwei Welten
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Manchmal sehe ich mich im Traum
in Begleitung eines bärtigen alten Mannes
unbekannte Wege gehen.
An gewissen Stellen bleibt er stehen und erzählt mir,
wer hier in welchem Alter gestorben ist¨
oder er zeigt mir idyllische Plätzchen.
Mich dünkt, als wolle er mir den Tod schmackhaft machen
oder mir Dinge zeigen,
auf die ich mich "drüben" freuen könnte,
auch Menschen, die schon vor mir angekommen sind
- doch es sind alles fremde Namen, die er mir nennt
mein Bezug zu ihnen fehlt gänzlich.

Er führt mich auch auf verlassene, verlassene Gehöfte und Anwesen
und auf Friedhöfe, wo man ein Käuzchen rufen hört.
Es ist gruselig und doch fürchte ich mich kaum.
Ich sehe anders aus und doch weiss ich, dass ich es bin.
Ich wirke zerzaust, zottig, mit struppiger Mähne,
schmutzig am ganzen Körper, zerlumpte und verlöcherte Kleider trage ich am Leib
und ich habe einen wilden Ausdruck im Gesicht,
wie ich ihn sonst von mir nicht kenne.

Wenn ich jeweils aufwache,
liege ich halb steif in meinem Bett
und ich bin kraftlos, spüre mich kaum mehr.
Jede Bewegung bereitet mir Mühe
und ich fühle mich auch am Tage wie gerädert.

Schritt für Schritt entferne ich mich in diesem unbewussten Traumzustand
immer mehr vom Leben und der Welt,
doch im Wachzustand klammere ich mich ganz fest daran
und ich suche Heimat bei den Menschen auf der Welt

Ladina, August 1996
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Die Sehnsucht nach Vertrautem
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Es war von Anfang an so:
Ärzte kamen und gingen,
Schwestern und Pfleger kamen und gingen,
Studenten und Tutoren kamen und gingen,
MTA's, Assistenten und Psychologinnen kamen und gingen.

Sie kamen, begleiteten einen ein kürzeres oder längeres Wegstück
und gingen wieder.
Selten, sehr selten entstand mehr als ein Personal-Patienten-Verhältnis
mit verordneter Offenheit und Vertrauen auf Zeit,
auf Behandlungszeit beschränkt.

Es war unangenehm und mühsam,
sich immer wieder an neue Leute gewöhnen zu müssen
und dennoch, mehrere Jahre vermochte ich
diesen ewigen Wechsel von Bezugspersonen im Spital gut zu verkraften und auszuhalten.

Aber nun, bedingt durch die Länge meines Krankseins,
fühle ich immer öfter, wie einsam ich im Grunde bin
und ich sehne mich nach Nähe, physischer wie psychischer
- nicht zu Spitalpersonal,
sondern zu ganz gewöhnlichen und doch aussergewöhnlichen Menschen,
die ich lieb habe.

Ich möchte mich öffnen,
meine Gedanken und Gefühle mitteilen,
mein Innerstes preisgeben,
diesen wenigen Menschen meines Vertrauens.
Ich brauche sie jetzt mehr als zuvor,
denn die Sehnsucht nach Vertrautem wächst
wächst mit der Ungewissheit
wächst mit der Bedrohung und der Angst
wächst mit der Verzweiflung
wächst jeden Tag
immer mehr.

Doch mit dem wachsenden Bedürfnis nach Nähe,
nach Vertrauenspersonen, nach Sicherheit
springen zur gleichen Zeit immer mehr Menschen meines Vertrauens ab,
sie schleichen sich langsam aber stetig davon
lassen mich allein zurück.

Nicht aus Bosheit gehen sie weg,
sondern weil sie meine lange Krankheit zu sehr belastet,
weil diese Ungewissheit sie fertig macht,
weil sie durch mich ständig an ihren eigenen Tod erinnert werden,
weil meine manchmalige Verzweiflung auf sie überspringt
wie ein zerstörendes Feuer.

Ich habe nicht die Kraft,
sie zurückzuhalten,
meine Argumente wirken egoistisch.
Ich stehe einfach bloss da und schaue zu,
wie sie nach und nach alle weg gehen
und nur mein Kopfkissen ist noch da,
um meine Tränen aufzufangen, die nachts in Strömen fliessen,
weil ich immerzu denken muss: "Niemand hat mich mehr lieb…"
Das tut so unheimlich weh!

Und doch, ich kann meinen Freunden und Vertrauenspersonen
nicht böse sein
denn wer sollte besser als ich verstehen,
wie unendlich schwer es ist,
mit der Todesbedrohung zu leben

Ladina, August 1996
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FALL
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Mitten im Sommer aus vertrautem Umfeld gerissen zu werden
und unter Schmerzen zu fallen,
im Fall noch mitbekommen, wie alle andern glücklich sind,
das tut unheimlich weh.
Doch zu spüren,
dass man getragen ist auch im Leid,
dass Geborgenheit auch unten noch empfunden werden kann,
das gibt meiner schmerzenden Seele Halt und Hoffnung
und schafft in ihr einen Lebensraum für neue Träume.
Umgeben zu sein von echten neuen Freunden, die Halt geben,
Geborgenheit spüren lassen und Zuversicht vermitteln,
das ist es, was mir so grossen Auftrieb gibt
und in mir das Gefühl weckt, innerlich am Himmel zu schweben
auch dann, wenn ich noch immer am Boden liege

Ladina, März 98 zu einem im August 1996 gemalten Bild
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Lebendig begraben
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Jedes Jahr erwarte ich ihn sehnsüchtig,
den neuen Veloferienkatalog von Baumeler.
Eine Fundgrube voller verlockender Angebote
wunderschöner Fotorafien,
faszinierender Reisebeschreibungen
und Nahrung für Träume.
Doch 1997 wird es anders sein,
es wird keine Reise für mich geben,
denn meine Krankheit schreitet fort,
es stehen Operationen an
und noch weiss ich nicht, wie ich das alles ohne Aussicht auf einen Aufsteller danach überstehen soll.
Aber dennoch schaue ich den Katalog an
Bretagne, Schottland, Norwegen, Cornwall…
Durch die Tränen hindurch leuchten meine Augen auf.
Träume leben auf und beginnen Gestalt anzunehmen.
Für einen Moment radle ich glücklich und gesund
durch unberührte Landschaften.
Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.
Noch einmal will mein Traum aufflackern
Ich lege den Katalog beiseite
und begrabe meine Träume lebendig
unter dem harten Boden der Realität!

Ladina, August 1996
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Kein Platz für mich in meinen Träumen
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Früher,
wenn ich träumte
war ich meistens mit dabei.
Ich sah mich etwas tun,
oder ich spürte, ich bin mitten drin.

Doch nun bin ich bereits seit Wochen
aus meinen Träumen verschwunden.
Ich komme nie mehr darin vor,
ich sehe nur andere Menschen etwas tun,
meistens solche, die ich kenne und die ich mag,
mit denen ich auch gern zusammen wäre,
gemeinsam mit ihnen meine Zeit verbringen würde.

Ich spüre meine Sehnsucht, während ich schlafe,
diese Sehnsucht, mit dabei sein zu dürfen
aber ich bleibe auf der Strecke,
komme nicht mehr bei ihnen an.

Was im Frühling dieses Jahres
erst vom Verstand her erfassbar war,
scheint nun in tiefere Schichten meines Bewusstseins
vorgedrungen zu sein.

Nun hat es auch meine Seele begriffen:
Es ist kein Platz mehr für mich in meinen Träumen!

Ladina, August 1996
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In die Ecke gedrängte Träume
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Aller Realitäten zum Trotz habe ich mir bis heute Träume bewahrt,
sie mir in leuchtend bunten Farben ausgemalt
um den Kontrast zu setzen gegen das Leid,
damit sie auch dann noch sichtbar bleiben,
wenn die Nacht kommt….
Seit kurzem aber sind sie kaum mehr zu erkennen.
Nicht die Dunkelheit hat sie verschluckt,
nein, ich selber habe sie in die Ecke gedrängt,
weil es mir zu weh tat, sie immerzu vor Augen zu sehen
und dabei um die Wirklichkeit zu wissen,
die nicht im Entferntesten an Träume glauben lässt.
Doch ganz verstossen möchte ich sie nicht,
denn vielleicht kommt doch noch mal eine Zeit,
wo sie mehr Raum erhalten können
und ich sie aus der Ecke holen kann
um ihnen wieder Platz inmitten meines Lebens zu geben.

Ladina, August 1996 (zu einem gemalten Bild)
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Bedrohte Träume
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Die Mutter meiner Träume heisst Hoffnung.
Wenn sie geraubt wird verhungern sie.
Noch ist das zwar erst ein Alptraum von mir,
doch der Krebs ist mächtig wie der riesige Raubvogel
und wenn es ihm eines Tages gelingt,
die Hoffnung fortzutragen,
dann gehen meine Träume zugrunde
und ich mit ihnen

Ladina, Oktober 1996 (zu einem gemalten Bild)
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Ein Hauch von Hoffnung
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Nur noch ein Hauch von Hoffnung ist sichtbar
in der stürmisch schwarzen Nacht.
Wird sie es schaffen, durchzukommen
und sich ans Tageslicht zu retten um aus Blumen neue Kraftnahrung
für sich und mich zu schöpfen.
Es braucht Mut, als so zartes Geschöpf
den einzigen Weg über das wogende Meer zu wagen
doch die Hoffnung ist ein tapferes Wesen
und sicht- und spürbar wird sie meist erst in der Not

Ladina, Oktober 1996 (zu einem gemalten Bild)
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Die Hoffnung hat gesiegt
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Draussen legt sich grauer Nebelschleier über Stadt und Land.
Viele Menschen werden jetzt traurig und geraten aus dem Gleichgewicht.
Ich kam gestern aus dem Krankenhaus, spazierte im Nebel nach Hause,
setzte mich an mein Pult und malte dieses Bild.
Es ist ein Feuerwerk voller Leuchtkraft, Farben und Freude
und nur jemand, der weiss, wie ich Sommer und Herbst verbrachte
wird das Bild zu deuten wissen.
Solche Farben passen nicht in ein Novemberbild,
doch in mir sieht es genauso aus.
Es ist Frühling oder Sommer, es ist harmonisch
und ich fühle mich glücklich.
Die Hoffnung hat gesiegt!

Ladina, November 1996 (zu einem Bild)
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Berg- und Talbahn (im Andenken an Sonja)
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Du stiegst bei der Haltestelle "Stocken" in den Bus ein
- blass, kahl mit einer hübschen beigefarbenen Strichmütze auf dem Kopf.
Ich sass schon drin,
etwas weniger blass, aber ebenfalls kahl mit einer braunen Kappe aus Faserpelz.
Wir sahen uns an und wussten Bescheid.
Wir lächelten, aber wir waren beide schüchtern
und so blieb es bei einem Augenkontakt.
Mir gefiel Deine Mütze, hätte dich gerne gefragt, wo du sie her hast
und auch dir standen Fragen ins Gesicht geschrieben,
aber Schüchternheit und Befangenheit können offene Wege zueinander verbauen und wir wurden sowieso schon von neugierigen Leuten
unverholen angestarrt und beobachtet.

Ca. 2 Wochen danach traf ich dich wieder beim Spazieren
und wir kamen ins Gespräch.
Ich erklärte dir was ich habe und zeigte dir ein paar meiner Gedichte.
Du last sie und sagtest, genauso würdest du dich auch fühlen.
Ich gab dir meine Telefonnummer und sagte: Ruf mich doch mal an!
und du strahltest und fandest es lieb von mir.
Du sagtest: Danke, das mach ich sicher
und ich freute mich schon darauf.

Tschüss, bis bald, sagtest Du
und wir drückten uns zum Abschied fest die Hand.
Ich wusste noch nicht, dass es der letzte Händedruck sein würde.
Wusstest es du?

Du riefst mich nicht an.
Vielleicht dachtest du, obwohl ich es dir angeboten hatte, du dürftest mich nicht mit deinen Sorgen belästigen?
Ich kenne solche Gefühle gut, verspüre sie selber immer wieder.
Ich hatte oft schon den Telefonhörer in der Hand um Dich anzurufen,
einfach um zu fragen, wie es dir geht. Dir irgendwie zu sagen, ich denke an Dich.
Ich wünschte, ich hätte nur noch einmal meine Schüchternheit überwunden.


Viele, viele Kerzen haben für Dich in manchen Kirchen gebrannt,
für Dich ihr Licht verströmt.
Eine gemeinsame Bekannte erzählte mir manchmal, wie es Dir in etwa geht.
Es ging halt immer auf und ab.
"Berg- und Talbahn" wie du es nanntest damals.

Letzten Sonntag am Chläusler-Markt habe ich auch eine lange
Berg- und Talfahrt gemacht.
Bewusst habe ich sie gesucht. 15 Mal die üblichen 5 Runden, nur mit den kurzen Pausen zwischen den Fahrten.
Die ganze Zeit waren meine Gedanken bei Dir.
Ich habe noch nicht recht begriffen, dass du gestorben bist.
Es traf mich wie ein Keulenschlag.
Ich hatte doch so die Hoffnung, dass du es schaffst,
dass die KMT in Basel für Dich der Sprung zurück
in die Gesundheit sein würde.

Auf dem Karussell versuchte ich nachzuvollziehen,
wie du dich die ganze Zeit gefühlt haben musstest.
Auf und ab, auf und ab, immer wieder
bis man nicht mehr kann,
bis förmlich die Luft zum Atmen ausgeht…

Vor drei Tagen bist du beerdigt worden,
gerne hätte ich dich auf diesem letzten Weg begleitet, doch ich lag mit Grippe im Bett.
Jetzt aber stehe ich an Deinem Grab, einem Blumenmeer
und schreibe diese Zeilen,
in Gedanken nochmals auf unserem gemeinsamen Spaziergang.

Die Schritte, die du neben mir gingst haben Spuren hinterlassen
in meinem Herzen.
Das Gespräch mit Dir, werde ich nie vergessen.
So viel Reife sprach aus allem, was du sagtest
und du warst doch noch so jung!
Wie war das nochmal?
Es ist halt wie Berg - und Talbahn - hattest Du gesagt
und dass du kämpfen wirst gegen die Leukämie
um irgendwann wieder oben zu sein und es zu bleiben,
um wieder gesund zu werden.
Das war dein grosses Ziel.

Du hast es geschafft, Sonja!
Deinen Körper hat man in die Erde versenkt
- eine letzte Talfahrt,
aber deine Seele ist längst in unsichtbare Höhen entschwebt,
in den Himmel, wie man es uns als Kinder gelehrt hat
oder ins Paradies, dorthin, wo keine Krankheit und kein Leid mehr existiert.

Du bist jetzt frei, Sonja!
Das tröstet mich.

Ladina, November 1996
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Kraftquellen
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Seit du auf der Welt bist,
bestehst du jeden Tag Kämpfe aus eigener Kraft
doch du bemerkst es kaum,
weil es sich in deinem Körper im Verborgenen abspielt,
selbstverständlich und ohne dein bewusstes Zutun.
Da vernichten Leukozyten Krankheitserreger,
Blutplättchen bessern feine Risse in den Blutgefässen aus,
rote Blutkörperchen bringen dir Sauerstoff, damit du dich wohlfühlst.
Es verläuft alles recht normal bei dir,
du stehst am Morgen gewöhnlich ohne Schmerzen auf,
arbeitest 5 Tage
und hast am Wochenende noch immer genügend Energie
für weitere Aktivitäten.
Kranke Leute waren immer weit ,weit weg
viele von ihnen alt, gebrechlich, verbraucht,
sie gehörten nicht in deine Welt,
selten hast du dir über deine eigene Lebenskraft Gedanken gemacht.

Aber jetzt kennst du mich.
Du weißt, dass ich krank bin
und du fragst mich und auch dich, wie ich es schaffe,
nach jedem Rückfall von neuem aufzustehen und weiter zu gehen.

Du fragst, woher diese Kraft kommt,
Stürze einfach hinzunehmen,
Stürze, bei denen soviel mehr kaputt geht
als nur die Haut am Knie,
wo Hoffnungen zerschlagen werden
und du versuchst dir vorzustellen,
wie du mit dem allem wohl zurecht kämest

Mit Entsetzen stellst du fest,
dass du diese Kraft nicht hättest
mit einer tödlichen Krankheit zu leben,
unmittelbar davon berührt zu sein.
Wenn du doch schon in der Phantasie keine Kraftquelle entdeckst,
glaubst du, gewiss auch in der Realität keine zu finden
und dir wird bange…

Aber hab keine Angst.
Bleib ganz ruhig und verzweifle nicht.
Solltest du jemals betroffen sein,
solltest du jemals mehr brauchen als deine eigene Lebenskraft,
weil dir ein Kampf bevorsteht, den niemand ganz alleine bestehen kann,
dann wirst du sie finden,
die Kraftquellen,
die dir geben können was du brauchst.

Du magst sie bei Menschen finden, die du schon lange kennst
oder bei solchen, die du gerade erst kennen lerntest.
Du magst sie in einem Hobby finden, oder in dir selber,
bei einer Blume, die inmitten des Asphalts Platz zum Wachsen fand
oder bei einem Baum.

Du findest sie,
bei Tag oder während eines Spaziergangs in der Nacht,
denn eine solche Krankheit schärft deine Sinne
und bringt das Leben näher, das Wesentliche im Leben.

Dinge, denen du heute kaum Beachtung schenkst
werden plötzlich zu Quellen der Kraft.

Menschen, auf die du glaubst, in der Not zählen zu können,
wenden sich vielleicht ab von dir,
aber du wirst auch welche treffen oder bereits im Umfeld haben,
bei denen du Halt findest und Kraft tanken kannst.

Glaub mir,
dann,
wenn du sie brauchst,
findest du sie.

Vielleicht an einem Sonnentag oder auf einer Ferienreise,
im Gebet oder im Traum,
vielleicht bei Nebel oder irgendwo in der Natur.

Du findest sie!
Ich kann dir nicht sagen, wo oder bei wem

Aber du wirst sie finden!

Ladina, Februar 1997
gewidmet an alle, die sich die Frage wegen der Kraftquellen stellen, insbesondere aber an Claudia Cattuzzo
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Bereit
°°°°°°
Anfangs 1989 war ich bereit zu gehen,
bereit es hinzunehmen, dass ich sterbe an meiner Krankheit.
Gelassen wartete ich darauf.
Unerwartet stellte sich Besserung ein.
Nun bin ich gesundheitlich wieder am selben Punkt
wie vor 8 Jahren.
Heute aber bin ich bereit zu bleiben,
bereit, weiterzuleben, mit und trotz der Krankheit

Ladina, Februar 1997
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Seelenverbundenheit
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Es gibt immer wieder Menschen, die sagen,
sie möchten mir helfen
und doch sind sie unfähig mich zu trösten
wenn ich in ihrer Nähe weine.
Und es gibt andere Menschen,
welche Tränen zu trocknen vermögen
durch Briefe
durch Telefonate
einfach dadurch, dass ich sie kenne
weil eine Nähe zwischen uns besteht,
die nicht von Distanzen abhängig ist

Ladina, Februar 1997
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Sie standen da an deinem Bett (oder die totgesagte Zukunft lebt)
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Sie nahmen dir Blut und Knochenmark,
sie schickten dich zum Sonogramm,
sie versuchten, dich zu beruhigen: "Es muss nichts Schlimmes sein"
…und dann standen sie da an deinem Bett
und sagten: es ist "Leukämie"

Sie verordneten Chemotherapien und Schädelbestrahlungen
du sprachst an und kamst in Remission,
doch nach dem ersten Rückfall folgte ein zweiter.
Ein Knochenmarkspender wurde gesucht und auch gefunden,
doch auf diese freudige Nachricht,
folgte eine erschütternde Meldung:
…Sie standen da an deinem Bett
und sagten: "Keine Chance. Das Risiko ist zu gross!
In Europa wird dich niemand transplantieren"

In die ganze Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung
mischte sich ein Zauberwort: Seattle
Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt,
die Zeit drängte, noch warst du in Remission,
doch die Blutwerte waren instabil.
… Und dann standen sie da an deinem Bett
und sagten: "Die Amerikaner machen es!"

Am 8.März 1989 kamst du in Seattle an.
Im "Hutch" begann die intensivste aller bisherigen Behandlungen.
Ganzkörperbestrahlungen, Konditionierungschemo,
damit verbunden unsägliche Qualen mit Schmerzen, Kotzen
Rosskur pur,
dein Körper am Ende fast ein Wrack, die Abwehr tot,
doch stark dein Wille zu siegen.
Du, die High-Risk Patientin aus Europa bekamst in Amerika deine Chance,
weil dir in Europa keiner eine reelle Chance gab,
weil es alle für sinnlose Quälerei hielten.
Doch die Amerikaner liessen sich nicht abschrecken,
obwohl auch sie gewiss wussten, wie nahe dir der Tod war.
…Sie standen da an deinem Bett
und sagten: "Wir kämpfen ab jetzt miteinander fürs Leben!+

Und du kamst ins sterile Zelt und bekamst die gesunden KM-Stammzellen deines Spenders.
Bis zu 30 Tabletten musstest du fortan einnehmen,
alle 7 Tage bekamst du rote Blutkörperchen und Plättchen transfundiert,
du wurdest mit Sondenkost ernährt, weil deine Mundschleimhaut aufgeplatzt war,
du musstest dich täglich mit stinkender brauner Desinfektionslösung waschen, dann die Fettcreme auftragen, die klebrig war wie Kaugummi,
das grauslige Ampho-Moronal einpinseln und anderes mehr.
Es ging dir schlecht und schlechter, aber du gabst nicht auf.
Und dann wurde dir eines Tages innerlich ganz heiss,
so heiss, dass du glaubtest, zu verbrennen,
du bekamst rote Handinnenflächen und Hautausschlag.
Und so unangenehm das auch war, ab jenem Tag wusstest du, dass es gelungen war.
TAKE! Das Spendermark war angewachsen!
… Sie standen da vor deinem Zelt
und freuten sich, als wenn ihnen selbst
das Leben neu geschenkt worden wäre.

Am 30.Juni verliessest du mit 5500 Leukozyten das sterile Zelt,
nach einem weiteren Monat im Svedish Hospital flogst du heim
- trotz des vorläufigen Erfolges in eine sehr unsichere Zukunft.
Noch war die Gefahr eines erneuten, und dann unheilbaren Leukämierückfalls sehr gross.

Wenn du heute Leute von damals fragst,
sagen dir alle, sie hätten eigentlich mit einem Rückfall gerechnet,
rechnen müssen, aufgrund deiner Krankengeschichte
und auch du hattest natürlich Angst vor einem Rezidiv,
aber gleichzeitig hast du gehofft und an dich geglaubt, wie das junge Menschen gottlob so an sich haben.
Du dachtest, all deine Erlebnisse müssten doch einen Sinn haben.
Und du solltest in deinem Optimismus recht behalten, allen Zweiflern zum Trotz.
Deine Zukunft, die damals im März vor 8 Jahren so ausgeschlossen schien durch die Bedrohung deiner Leukämie, diese Zukunft, an die die meisten nicht glaubten,
diese Zukunft wird heute 2922 Tage an.

Du und alle, die dich kennen, können dieses Glück kaum in Worte fassen,
in Gedanken bist du voller Dankbarkeit für Deine damaligen Ärzte aus Seattle, Dr.Burdach und Dr. Shields, die dir die Chance zu leben gaben
und mit Dir kämpften und du willst das geschenkte Leben immer hoch schätzen und mit Sinn erfüllen.
In zwei Wochen fliegst du nach Afrika um dort anderen kranken Menschen in ähnlicher Art zu helfen, wie Dir geholfen wurde - ohne Lohn machst du das.

Wenn du deine Augen schliesst, siehst du so wie damals beim Take, deine beiden Lebensretter, die die diese Chance gaben, an deinem Bett stehen.
Sie strahlen und freuen sich, weil ihnen das Unmögliche gelungen ist
und sie dabei mithalfen,
dass das Leben den Tod besiegte.

Ladina, März 1997 (für Madleina S.)
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Marmorierte Spuren
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Bunte Farbtupfer
ähnlich einer Blumenwiese
zierten dein Leben und strahlten allen entgegen,
die mit dir in Berührung kamen.
Jede Farbe hatte ihren festen Platz seit vielen Jahren.

Mit der Krankheit kam die Dunkelheit,
die drohte, alles zu zerstören,
alle Lebensfreude, alles Wohlbefinden, alle Zukunft, alle Pläne.
Drohte,
das leuchtende Gelb, das beruhigende Blau,
das fröhliche Rot, das zuversichtliche Grün zu begraben
unter einer grauen, unförmigen Lache.
Drohte,
den einst von Leben pulsierenden Weiher
zu einem modrigen Tümpel zu verschandeln,
in dem ein lebenswertes Leben
unmöglich scheint.

Vor bald 15 Jahren
habe ich mich ebenso verloren gefühlt
und ich verstehe, wenn du verzweifelt bist,
doch lass mich dir eines versichern
und glaube es mir:
Wenn du kämpfst,
muss die Krankheit nicht zwangsläufig ein einziges Bild der Zerstörung
in deinem Leben hinterlassen,
nicht nur einen dunklen Fleck,
der Ekel auslöst und Wut und Ohnmacht spüren lässt.

Denn wenn du mithilfst und kämpfst
kann dein Leben von der Krankheit nicht wirklich zerstört werden.
Sie taucht dann nur wie eine spitze Stricknadel
in die bunten Farbkleckse deines Lebens,
sie bahnt sich ihren Weg und bringt die Ordnung durcheinander,
gleichzeitig aber hinterlässt sie Spuren wie marmorierte Muster.

Sie formt dein Leben so um,
dass es nie mehr ganz so werden wird wie zuvor,
bevor die Krankheit kam.
Anfangs wirst du traurig sein,
aber wenn du kämpfst wirst du neue Möglichkeiten finden
dein Leben so zu bereichern und zu gestalten,
dass du wieder Freude daran hast.

Und wenn du eines Tages zurück blickst,
das Muster deines Lebens betrachtest,
die Formen, die sich seit der Krankheit neu gebildet haben,
dann wünsche ich dir,
dass du alle Farben deines bisherigen Lebens
in dem marmorierten Muster wiederfindest, das die spitze Nadel
deiner Erkrankung aus deinem wohlgeordneten Leben geschaffen hat.

Ich wünsche Dir, dass du Muster erblickst, die dich bezaubern,
die trotz der dunklen Spuren darin, Heiterkeit verbreiten
und ein glückliches Lächeln auf deine Lippen bringen.

Ich wünsche dir, dass du irgendwann, so wie ich ehrlich sagen kannst:
Ich liebe mein Leben trotz der Krankheit!
und dass du erfährst,
dass das Glück nicht mit dem Unglück endet
sondern an Tiefe und Intensität gewinnt!

Ladina, April 1997 (für Leyla Agdag)
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Vielleicht

werde ich es nicht schaffen

meinen Krebs zu besiegen

aber niemand

wird mir

je vorwerfen können,

dass ich es

nicht versucht

hätte

Ladina, April 1997
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

bin weit gereist

bin tief getaucht

hab verborgene Schätze ausgegraben

nicht irgendwo in einem fremden Land

sondern in mir selbst

denn

wer kennt sich selber wirklich

wer weiss, was alles in ihm oder ihr steckt

bevor eine höhere Macht einen zwingt

an Ort und Stelle zu bleiben

und so doch am Ende weiter zu kommen

als alle Reisenden der Welt

Ladina, Mai 1997
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

An Krebs sterben
bedeutet
schrittweise vom Leben Abschied nehmen
und es dennoch gewinnen

Ladina, 1997
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Die Blumen eines Sommers
**********************
In den Sommern 1995 und 1996
habe ich einen bunten Blumenstrauss pflücken dürfen,
einen Strauss von wunderbaren Erlebnissen.
Wiederholungsreise nach Irland
Besuch beim Leuchtturm
Fahrradtouren weit, weit über die Grenzen der letzten 10 Jahre
Pässe: 3mal den Lukmanier, den Oberalp und die Schwägalp,
via Disentis bis Altdorf/Flüelen
Gotthard Nord - und Südrampe
Melchsee-Frutt mit Claudia
SWISS TROTTY TOUR mit Mini Mack
Ritom Seen
Pilatus
Schynige Platte
Monte San Giorgo
San Salvatore mit Abstieg nach Figino,
Monte Generoso und Monte Tamaro
Pila Costa, ein Reh gesehen beim Abstieg nach Intragna,
Fahrt durchs Centovalli nach Domodossola, via Brig nach Bern
Radtour rund um den Zugersee und den Brienzersee,
die Giessbachfälle bewundert,
herrliche Wanderung in Malbun, wieder einmal Sessellift gefahren
Witzwanderung in Heiden,
Wanderung von der Ebenalp zum Seealpsee, auf den Hohen Kasten.
All diese Erlebnisse und Entdeckungen
sind wie lauter bunte Blumen,
die ihre Leuchtkraft über Jahre nicht wirklich verlieren.
Jetzt im Sommer 1997
kann ich kaum neue solcher Blumen pflücken,
doch in meiner Erinnerung freue ich mich auch jetzt noch
an den Farben der Blumen von damals

Ladina, Juni 1997

WICHTIG, bitte beachten:
Meine im Krebsforum.ch verfassten Beiträge und Gedichte (Urheberrecht) dürfen in anderen Foren, oder HP’s nicht ohne meine persönliche Zustimmung kopiert oder veröffentlicht werden.
Zuletzt geändert von Ladina am Sa 8 Aug 2009 21:51, insgesamt 1-mal geändert.

Ladina
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Gedichte aus meinem 8.Gedichteband: Der Krebs

Beitragvon Ladina » Sa 2 Feb 2008 18:19

WICHTIG, bitte beachten:
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Kahl
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Von einer halben Stunde auf die andere
ist mein Kopf wieder kahl
wegen eines Haarschneidefehlers,
der den radikalen Entschluss nach sich zog:
Jetzt schneiden wir besser alles ab.

Nach dem ersten abgrundtiefen Entsetzen
über diese Frisur, die mich an die Chemo erinnert
und Gänsehaut entstehen lässt,
freunde ich mich notgedrungen wieder an mit der Tatsache: Kahlkopf.
Zumindest für 2 Wochen werde ich im Geschäft die Perücke tragen müssen,
die schon länger arbeitslos im Schrank rumhängt.
Der Gedanke ist wie eine saure Gurke für mich
und löscht mir fast ab,
aber ein Siebentage-Regenwetter-Gesicht mache ich nicht,
denn ich kenne Schlimmeres:
z.B. 8 Monate die Perücke tragen, unfreiwillig
und nie wissen, ob und wann die Haare wieder wachsen.

Nun bin ich zum 1.Mal praktisch kahl,
ohne dass eine Therapie dafür verantwortlich ist.
Das ist so ein ganz anderes Gefühl.

Wenn mich jemand fragt, kann ich mit einem Grinsen
von Beeris Lapsus erzählen,
mit einer Warnung an alle:
Wendet Euch zum Haareschneiden nie an einen Laien -
ihr seht, was dabei herauskommt
und grinsende Menschen sind um mich herum.

Zum 1.Mal ist der Grund nicht bedrückend,
die Leute ziehen vergnügt ihrer Wege,
auch nachdem sie mir begegnet sind.

Ich fange an, mich über diese Erfahrung zu freuen
und trage diese Glatze mit einem Lächeln im Gesicht.

Ladina, Samstag, 11.August 2001
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Unerwarteter Befund
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Ich hatte so grosse Angst, dass der neue Befund lauten könnte:
Der Tumor ist leider gewachsen
und hoffte so sehr auf den Befund: Der Tumor ist gleich geblieben.
Doch weder das eine noch das andere trifft nun zu,
denn der Befund lautet tatsächlich: der Tumor ist um ca. ¼ kleiner geworden!!!
Ein Ergebnis, das unter Therapie oft von mir ersehnt wurde,
mir aber jetzt, ohne bewusstes Zutun und Handeln
äusserst unheimlich ist.

Wirkliche Erleichterung kommt nicht auf.
Die Bedrohung ist geschrumpft,
hat an Grösse und Umfang abgenommen
und ist gefühlsmässig für mich doch gewachsen.

Es war leichter, mit scheinbar totem, inaktivem Gewebe im Kopf zu leben,
als mit solchem, das sich nun plötzlich wieder regt.

Ich bin innerlich zutiefst beunruhigt,
so wie ich es nicht war, solange sich der Tumor nicht regte
und sich von Kontrolle zu Kontrolle niemals veränderte.

Nun ist es für mich so, als habe der Tumorrest wieder Leben eingehaucht bekommen - auf geheimnisvolle, unerklärliche Weise
und auch wenn er jetzt kleiner wurde,
wer kann mir versichern, dass er nicht plötzlich wieder wächst?

Dieser Tumorrest, der so lange, 21 Jahre lang still stand,
ich hatte die Angst vor ihm vor ihm fast verloren im Laufe der Zeit.

Es wäre schön gewesen, so fort zu fahren,
quasi im gegenseitigen Leben und Lebenlassen.
Ich dachte manchmal schon, jetzt steht die Krebsuhr still,
aber nun,
ganz plötzlich,
tickt die Zeitbombe wieder

Ladina, August 2001
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Blumen an der Grenze
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Ein Ausflug weit, weit fort sollte es werden,
doch die körperlichen Beschwerden
setzten mir eine unüberwindbare Grenze,
die zu akzeptieren mir auch seelische Schmerzen bereitet.
Ich muss einhalten, rasten
und kann auch dann nicht weiter.
Die Grenze bleibt schmerzhaft bestehen,
messerscharf ins Bewusstsein eingraviert.

Aber dann, wie ein Hoffnungsschimmer,
leuchten mir Farben vom Rande der Grenze entgegen.
Blumen sind da und meine Augen weiden sich satt an ihnen.
Eine spezielle Dankbarkeit steigt in meinem Herzen auf dafür,
gerade hierher zum Rasten gelenkt worden zu sein,
Freude zu empfinden am Rande der Grenze.
Mit vielen guten Gedanken
pflücke ich einige der bunten Boten der Natur
und bringe dieses Sträusslein meiner Lebenshelferin
als Dank für ihre besondere Freundschaft und Begleitung.

So steht als Erinnerung an diesen Tag
am Ende nicht die schmerzvolle Erfahrung einer Grenze
sondern die Freude
über eine Handvoll Blumen an ihrem Lauf

Ladina, Biberist, September 2001
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Traum-Erkenntnis
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Ich sass gestern allein auf einer Bank in Gerlafingen,
der Boden schwankte, alles drehte sich
und es wurde mir so elend,
dass ich brechen und unweigerlich an den Tod denken musste.
Gleichzeitig flehte ich Hilferufe ans Leben: "Bleib da, bleib da, bitte bleibe noch ein Weilchen!"

In der Nacht im Traum,
wiederholen sich die Schrecken des vergangenen Tages,
der Menière-Schwindel,
die Übelkeit,
das Sterbenselend-Sein.

Der Fluss ist nah,
die Verzweiflung tief,
die Strömung stark genug
um es schnell hinter mich zu bringen.

Entschlossen gehe ich im Traum auf den Fluss zu,
taste schon mit ersten Schritten das Ufer ab und will grad hinein,
da vernehme ich ein verzweifeltes Rufen,
das Leben selbst ruft mich an und fleht: "Bleib da, bleib da, bleib bitte da!"

Am Morgen weiss ich,
das Leben und ich, wir sind noch immer eine Einheit
und ich hoffe,
das wird noch lange so sein

Ladina, September 2001
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Zeit für Hosen? -Erinnerungs-Spuren
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Irgendein Tag im Sommer 1986,
wunderbares Sonnenwetter: Zum ersten Mal nach Wochen spürte ich keine Übelkeit, war mir leicht zumute und in einem Anflug von Romantik
zog ich mein Dirndl mal wieder an und entschloss mich spontan
zu einem Ausflug ins Appenzellerland.
Doch in der Tür stand meine Mutter, sie starrte mich entsetzt an,
fragte: "Wo willst du denn so hin?" deutete auf meine Glatze und das Dirndl und schimpfte: "So nicht, jetzt ist Hosenzeit für Dich, so sieht das nicht gut aus!"
"Aber es fühlt sich gut an!" erwiderte ich und huschte an ihr vorbei, ehe sie es verhindern konnte.
Ich genoss einen zauberhaften Tag, fernab von jeglichem Publikum beim Leuenfall in Weissbad, ich war mir selbst genug,
spürte den lauen Wind und feinste Wassertröpfchen,
die meine Haut umschmeichelten überall dort,
wo vor kurzem noch Infusionen steckten und schwere Spital-Duvets drauflagen.
Ich öffnete mich all den herrlichen Empfindungen.
Erfrischte und erfreute so Körper und Seele.
Zuhause empfing mit Mutter mit mürrischem Gesicht, warf mir Provokation der Leute vor, sass dann den ganzen Abend schmollend und wortlos am Tisch.
Sie konnte meine Empfindungen nicht verstehen.

Heute sind über 15 Jahre seitdem vergangen. Meine Mutter ist auf dem Entwicklungsstand von damals stehen geblieben.
Ich bin aus dem Dirndl herausgewachsen.
Manchmal halte ich in Schaufenstern Ausschau nach einem neuen.
Mutters Gesicht von damals vor Augen und jenes einer Verkäuferin,
die mir abriet vom Kauf eines Dirndls mit den Worten:
"Sie haben nicht das Aussehen für so ein edles Kleid!"
verunmöglichen es mir seitdem,
wieder ein solches Geschäft zu betreten.
Vielleicht ist es besser so?

Ladina, September 2001
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Bewältigungs-Wege
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Keine andere Patientengruppe hat so viele Selbsterfahrungsberichte und Bücher geschrieben wie wir Krebskranken.
Die einen erzählen ihren ganz persönlichen Weg durch die
konventionelle Behandlung mit der Schulmedizin,
andere wollen ihre Erfahrungen mit Hyperthermie, Mistel oder anderen alternativen Behandlungsformen weitergeben,
oder sie sind voller Optimismus und wollen andern Mut machen.

Jeder Art von Erlebnisberichten in Buchform liegt wohl auch der Wunsch zugrunde, sich selbst und andern weiter zu helfen.
Und wer von uns hat nicht schon etliche dieser Titel zur Hand genommen,
überflogen oder regelrecht verschlungen, in der Hoffnung,
Bewältigungswege zu entdecken,
Siegerwege auszumachen und zu ergründen?

Doch wer in diesen Bücher DIE Lösung zu finden erhofft,
den genauen Beschrieb des EINZIGEN richtigen Weges mit Erfolgsaussicht,
der wird enttäuscht von seinen eigenen Erwartungen.

Bewältigungswege sind so unterschiedlich wie wir Betroffenen.
Was dem einen nützt, ist für jemand anderen Fehlanzeige.
Erfahrungsberichte enthalten keine jederzeit gültigen Rezepte,
wie was wann angegangen werden muss, damit es gelingt.
Keiner kann den Bewältigungsweg des einen so wie dieser gehen.
Jeder geht seinen eigenen persönlichen Weg.

Trotzdem sind die Bücher wichtig und oft hilfreich.
Beim einen Bericht ist es eine Idee oder ein beschriebener Traum,
beim andern vielleicht nur ein Gedanke,
den man für sich herauspickt, der einen anspricht
und zum Weiterdenken ermutigt.
Oder ein Impuls, den man wichtig findet und bei sich behalten möchte,
wie einen Notproviant für die eigene Seele.
Manchmal spricht so ein Buch Themen an,
die bislang für uns (noch) keine Rolle spielten,
über die wir aber mal nachdenken möchten,
denen wir uns so ganz behutsam annähern können.

Immer wieder finden wir Parallelen zu unseren eigenen Empfindungen,
aber auch Dinge, die sich deutlich von unserem Erleben unterscheiden,
die vielleicht sogar ein Kopfschütteln auslösen
oder Widerspruch herausfordern.
Zu manchem kann man vorbehaltslos JA sagen
und zu anderem bloss: Nein, das kommt für mich nicht in Frage!

Dennoch ist es wichtig und hilfreich für den eigenen Weg
auch Einblick zu erhalten,
wie andere mit der Diagnose "Krebs" zurechtgekommen sind,
zu erfahren, wir sind nicht allein mit unseren ganzen Nöten.

Millionen von Menschen haben den Weg durch die Krebserkrankung
schon meistern müssen.
Manche haben die Krankheit besiegt, andere nicht.
Einige von ihnen zeigten uns in ihren Büchern
ihren Krankheitsverlauf auf,
und die Entwicklungen,
die sich für sie daraus ergeben haben.

Aber wie viel wir auch von Gleichbetroffenen als Hilfe mit auf diese Reise bekommen,
es bleibt trotz allem unser eigener, ganz persönlicher Weg.
Wir bleiben auch in der Krebsdiagnose und danach Individien.
Wir bleiben uns selbst.
Auch jetzt!

Ladina, Glovelier, September 2001
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Sterbens-Gedanken
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Manchmal
in guten Tagen
wo ich mich rundum wohl fühle
mache ich mir ganz intensive Gedanken
über mein eigenes Sterben.
Doch meine Sehnsucht
bleibt dabei ganz deutlich
dem Leben
zugewandt.

An Tagen aber
wo sich die Schmerzen
durch meinen Schädel fressen,
wo sie unaufhörlich pochen
und niemand mir helfen kann, sie zu lindern
da werden
die Gedanken ans Sterben
zu meiner Sehnsucht

Ladina, September 2001
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Diagnose: Unheilbarer Gen-Defekt (Li-Fraumeni-Syndrom)
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Schon als ich mit 8 Jahren erstmals an Krebs erkrankte
gab mein Fall den Ärzten Rätsel auf.
Es gab in ganz Europa zu jener Zeit nicht mal 10 Kinder
mit dem Burkitt-Lymphom.
Trotz der eher schlechten Prognose, hatte ich das Glück, wieder gesund zu werden und ich weiss heute noch nicht, wem ich dafür danken kann.
Leider trat nach 4 Jahren ein anderer, bei Kindern ebenfalls ungewöhnlicher Tumor bei mir auf, ein Fibrilläres Astrozytom, kein wirklicher Krebs zwar, da als gutartig eingestuft, aber er rezidivierte nach der Operation und so bekam ich wieder Bestrahlung.
Und wieder knapp 4 Jahre darauf erkrankte ich an Leukämie.
Damit wurde ich endgültig zur Sensation erklärt, eine Bezeichnung auf die ich gerne verzichtet hätte.
Für mich war das alles wie ein Schlag ins Gesicht. Was hatte ich denn nur getan? Ich fühlte mich schlecht und hatte Schuldgefühle, die auch teils vom Umfeld noch unterstützt wurden mit so Äusserungen: Du hast wohl einfach falsche Gedanken, sonst etwas falsch gemacht, dass das immer wieder kommt - das ist ja schon nicht normal."
Und dabei habe ich doch gesund gelebt, nicht geraucht und trotzdem war ich wieder ausgebremst worden. Ich empfand es als Strafe und wusste einfach nicht wofür!
Aber ich wollte kämpfen fürs Leben und wieder habe ich es gepackt.
Aber nur ein halbes Jahr nach der offiziellen Genesung ging es wieder los, wieder eine neue Tumorart, diesmal ein Sarkom.
Die Ärzte waren mit ihrem Latein am Ende und ich fast mit den Nerven, nein eigentlich ganz.
In diese Ratlosigkeit hinein kam ein Arzt auf den Gedanken, mich auf einen Genetischen Defekt hin prüfen zu lassen und ich willigte ein.

Die bestätigte Diagnose: Li-Fraumeni-Syndrom löste blankes Entsetzen bei mir aus,
denn sie prophezeite mir ein lebenslanges Gefangen-Sein in diesem Krebs-Kreislauf, sie bedeutet letztendlich die immer neue grössere Wahrscheinlichkeit auf eine bösartige Tumorerkrankung
und doch war in meinem Innern auch eine grosse Erleichterung ,
denn diese Diagnose bedeutete zugleich
den bis ans Ende gültigen Freispruch von Schuld…

Ladina, September 2001
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Mehr als meine Krankheit
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Ich weiss noch gut, wie es war, als ich mit 9 ½ Jahren
nach der monatelangen Therapie zurück in die Schule kam.
Ich war das Schulkind mit dem Krebs,
von dem alle Distanz wahrten.
Ich war das Schulkind mit dem Krebs,
das keine Haare hatte und dafür so eine Perücke trug.
Ich war das Schulkind mit dem Krebs,
das beim Turnen abseits sass
und oft für sich alleine blieb.

Ich war das Schulkind mit dem Krebs und wollte es nicht bleiben.
Ich wusste mehr als andere Kinder über Afrika und konnte französisch und die lustige Sprache Mooré (Sprache des Stammes Mossi im damaligen Obervolta/ heute Burkina Faso)
ein toller Aufsatz brachte mir die Bewunderung der Kameraden ein.
Als der Zoo mit Riesenschlangen kam, hatte ich allein den "Mut"
mir eine um den Hals legen zu lassen.
Und einmal im Turnen, als die anderen Purzelbäume machten,
vergass ich meine Dispensierung und die Narbe am Bauch
und schlug vor aller Augen einen doppelten Flic-Flac rückwärts.

Ich wollte nicht bluffen, aber zeigen, dass ich mehr kann als nur krank sein,
ich wollte ihnen Gesprächsstoff ausserhalb meiner Krankheit geben,
ich wollte auch das Schweigen brechen, das mich so bedrückte und isolierte,
Schon damals wollte ich nicht nur auf meine Krankheit reduziert werden.

Vielleicht hätte ich diese Ziele auch erreicht,
wären da nicht die Erwachsenen und Eltern gewesen,
die ihren Kindern stets neue Ängste einpflanzten.

Ich blieb ein isoliertes Kind
entwickelte eine grosse Liebe zur Natur
und eine intensive Lebensfreude - trotzdem.

Dann kam mit 16 der Krebs zurück,
gerade als die Berufswahl bevorstand.
Wieder fiel ich lange aus wegen der Behandlung, war danach wieder für alle als schwerkrank erkennbar.
Lachte ich, fanden es die grossen Leute voll daneben und wieder war da die Distanz von andern und das Mitleid, das mich wütend machte.

Ich war die Jugendliche mit dem Krebs und wollte es nicht bleiben,
ich wollte in den Gesichtern anderer Leute
fortan nicht mehr nur meiner Krankheit begegnen.
Ich wollte von mir reden machen,
ohne dass der Krebs ein Thema war.
Ich fuhr an einem Radrennen mit und gewann sogar.
Ich liess es nicht in die Zeitung setzen, wie es die 2.und 3.platzierten Schüler taten, aber eine Nachbarin schwatzte es herum auf diese furchtbare Mitleidstour, die ich so hasste.
Der Krebs war immer noch Hauptthema: Es hiess:" Sie hat die Tannenbergrundfahrt gewonnen, bedenke man, mit Krebs!"

Das grosse gefürchtete Wort,
die schreckliche Realität dieser Krankheit
sie haben mich jahrelang beschäftigt und in Trab gehalten
und ganz los werde ich das wohl nie.
Aber sie soll nicht mein Lebenszentrum werden,
ich bin weit mehr als meine Krankheit.
Ich möchte meine vielfältigen Interessen unbefangen ausleben,
fortan mehr mit Gesunden unternehmen,
etwas Wertvolles für die Natur tun, die mir in den schweren Zeiten so oft sehr geholfen hat.
Ich arbeite als Lektorin einer Bibliothek, bin engagiert bei Kind&Spital und dem Kindernetzwerk, wo ich mit Freude mitarbeite.
Ich habe dieses Krebssyndrom, aber ich habe auch ein Leben,
das gelebt werden möchte.
Und ich wünsche mir, dass die Leute sich nach meinem Tod an mehr von mir erinnern, als nur an meine Krankheit.
Dass auch Positives bleibt von mir.

Ich bin die junge Frau mit Krebs und möchte das nicht bleiben!

Ladina, September 2001
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Andere Werte
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Bis vor etwa 1 ½ Jahren
war ich bei vielen Vortragsveranstaltungen
über Krebs bei Kindern
mit von der Partie
- manchmal auf dem Podium
- hie und da als Vorzeige-Patientin
- oder als Hoffnungsträgerin
Oder einfach unter den Zuhörern,
weil ein Stück von solcher Vergangenheit
auch immer mit in die Zukunft geht.

Heute halte ich wieder eine Einladung zu einer solchen Veranstaltung
in den Händen,
interessante Aspekte sollen angesprochen werden,
interessant gewiss auch für mich.
Aber ich entscheide mich ganz bewusst dagegen
- nicht weil es mir zu belastend ist
- nicht weil zu viele Erinnerungen wachgerüttelt würden
- nicht weil ich meine Vergangenheit leugnen möchte
- nicht weil die Kraft für Auseinandersetzung fehlte
sondern einfach,
weil endlich auch wieder anderes zählt
in meinem Leben!

Ladina, September 2001
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Veränderte Einstellung
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Wegen einem im Oktober in München stattfindenden Neurologen-Kongress
kontaktiert mich mein hierauf spezialisierter Arzt,
der schon lange mit mir zu tun hat,
der meine Hochs und Tiefs in diesem Bereich miterlebte,
der mich schon 2 mal live seinen Kollegen vorgestellt hatte
und der fest damit rechnet,
dass ich ihn in München nicht im Stich lasse.
Bereits kongressgewohnt scheine ich geeignet mitzufahren,
ausserdem sei ich ein interessanter Fall.

Aber ich habe es satt, von allen beglotzt zu werden,
als wäre ich ein Vieh von einem andern Stern.
Ich habe es satt, meine neurologischen Daten und Pannen
vor aller Welt ausgebreitet zu wissen, selbst dann,
wenn es anderen ebenfalls hilft.
Ich habe es satt, immer die gleichen Bewegungen zu wiederholen vor denen, die beobachten und wohlwissend nicken!

Beim 1.Mal war das ganze Ehrensache, erfüllte mich auch mit Freude, irgendwie.
Beim 2.Mal war es so etwas wie ein Akt der Dankbarkeit, auch der Gedanke, andern damit zu helfen, war Triebfeder zur Teilnahme.
Aber nun ist schon der Gedanke daran nahezu unerträglich für mich,
ich möchte nicht mit, auch wenn es ein Luxus-Hotel ist,
auch wenn ich Taschengeld bekomme und nichts zahlen muss,
alles sträubt sich und meine Antwort ist: Nein!

Die Enttäuschung des Arztes ist gross,
ich blicke in ein Gesicht voller Fragezeichen.
Die Absage hat nichts mit einem Vertrauensverlust zu tun,
nur mit einer veränderten Einstellung zu solchen Veranstaltungen
und vielleicht meinem Hunger nach normalerem Leben.

Dennoch sind meine Daten in München dabei.
Ich gebe dem Arzt die Erlaubnis von mir und meinen Testergebnissen zu berichten unter einer anonymen Fall-Nummer…

Ladina, September 2001
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Wieder im Spital
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Eine Horrorzahl von 150'000 Leukos
steht auf meinem rosa Zettelchen mit den aktuellen Blut- und Urinwerten
eine Zahl, die ca. 37 mal so hoch ist wie normal.
Ich starre sie an und sie mich!
Noch am Lift mache ich kehrt, gehe zurück ins Labor und sage dort:
"Diese Zahl kann doch nicht stimmen", eine vage Hoffnung in mir,
dass sie dort den Irrtum einsehen und die Zahl des Schreckens ändern,
doch die Tatsache bleibt, die Zahl 150'000 ist leider richtig
und ich erzittere buchstäblich
unter dem Bewusstsein des Verdachtes,
den sie unweigerlich mit sich bringt.

Habe ich einen Rückfall oder wieder was Neues?
Ist darum das Fieber so hartnäckig.
Sind die Gelenkschmerzen Vorboten der Bedrohung gewesen,
die ich nur als Muskelkater missverstanden habe oder als Rheuma.
Die zwei nächsten Stationen zeichnen sich ab,
ich kenne sie, ehe der Arzt sie mir eröffnet, bereits in- und auswendig.
Und ich möchte hinrennen um den schrecklichen Verdacht
schleunigst ausräumen zu lassen
und habe gleichzeitig so riesengrosse Angst,
dass sich dieser Verdacht bestätigen könnte.
Was sonst könnte denn so grosse Zahlen auslösen?
Ich kenne nur Leukämie
und das ist eine der scheusslichsten Bekanntschaften, die ich je machen musste!

Ich möchte Hoffnung und Vertrauen haben können,
aber in mir hat sich der schreckliche Verdacht
schon zur Gewissheit geformt
und der Blick der Laborantin war auch irgendwie voll Mitgefühl.

Es ist 11.00h und erst um 15.30h bin ich bestellt für die KMP, je nach Befund dann noch LP.
4 Stunden Zeit.
Wartezeit.
Zeit zu ruhen, doch die Ruhe ist dahin,
voller Chaos ist die Gegenwart.
Stress - ein Wort, das mit körperlicher Überbeanspruchung verbunden ist,
verspüre ich auch jetzt im tatenlosen Sitzen.
Zeit zu Schreiben, etwas von den Gefühlen verarbeiten,
ich versuche es mit zittriger Schrift.
Zeit zu Telefonieren, mit vertrauten Menschen sprechen,
doch keiner dieser Menschen ist daheim.
Es ist Ferienzeit, Erholungszeit.
Ich werde Wochen brauchen,
um mich allein von diesen Stunden jetzt ein wenig zu erholen.
Mein Herz rast.
Bleiben mir überhaupt noch Wochen?
Ich denke an "mein" Konzert am 13. von den Original Jungen Oberkrainern und ich nehme mir vor,
dafür zu kämpfen.

Im Botanischen Garten setze ich mich auf eine Bank im milden Sonnenschein, lasse meine Blicke wandern,
über die Farben,
fort von dem Schrecken
und ich denke an den zauberhaften Sommer, den ich verleben durfte,
an die vielen Traumziele, die ich erreichen konnte,
an die Tage bei Barbara.
An all das Glück, das ich empfand!

Auf 15.00h kehre ich ins Spital zurück,
die Angst ist nicht verschwunden,
aber neben ihr sitzt die Dankbarkeit
wieder unbeirrt auf ihrem bescheidenen Plätzchen.
Sie kann die Angst nicht wirklich besiegen,
doch sie vermag die Gedanken zu mildern
zu verlieren

Ladina, 8.Oktober 2001
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KMP und LP - früher und heute
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Ich gehörte zu den seltenen Kindern im Spital,
denen Spritzen keine Angst einjagten,
die, als wäre nichts, den Arm, die Hand oder den Fuss hinstreckten
um sich ohne einen Mucks stechen zu lassen.
Kam aber das Wort Lumbalpunktion auf,
drehte ich vor Panik beinahe durch,
ich litt unter Alpträumen und machte ins Bett
und während der Punktion bedurfte es mehrerer kräftiger Hände,
die mich in Katzenbuckelstellung festzuhalten vermochten,
denn ich wehrte mich mit Händen, Füssen und Zähnen
und ohrenbetäubendem Gebrüll
gegen die unheimlichen und heimtückischen Nadelattacken
in meinen Rücken.
Die LP ist meine schlimmste Kindheitserinnerung,
nichts war schlimmer und schmerzhafter für mich.
Die KMP liess mich dagegen meistens kalt, denn dazu wurde ich oft
in Kurznarkose versetzt und merkte darum von Hauptschmerz nichts.

Meine Unempfindlichkeit gegenüber i.V. - und Subcutan-Injektionen
ist bis heute geblieben,
aber meine Gefühle zu den Punktionen sind ganz anders.
Heute ist für mich eine LP nichts Furchtbares mehr,
wenngleich sie nach wie vor etwas buchstäblich hinterhältiges und irgendwie gemeines für mich darstellt,
doch die KMP ist mir ein Greuel,
die Schmerzen sind, nun nicht mehr durch Narkose eingeschläfert,
kaum auszuhalten für mich, zumal die Verknöcherung an gewissen Stellen Fehlversuche mit sich bringt.
Angst und innere Anspannung verstärken die Schmerzen
möglicherweise noch zusätzlich.

Doch während ich als Kind meinen Schmerz ausdrücken und rausbrüllen konnte
und dann getröstet wurde,
wird mir nun weder das eine noch das andere noch zugestanden,
und ich bleibe isoliert und ohne Verständnis mit diesen Nöten.

Ladina, Oktober 2001
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Pneumonie
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Nach den gestrigen Untersuchungen,
dem aufkommenden Verdacht,
der furchtbaren Nacht voller Ängste
und zwei weiterer Untersuchungen
kam heute Vormittag gottlob die Entwarnung:
"Es liegt mit Sicherheit keine Leukämie vor!"
Aber es gibt zugleich den sicheren Befund
einer bakteriellen Pneumonie und Periostitis in zwei Wirbeln.
Trotzdem irrsinnige Erleichterung, fast juble ich.
Absurd.
Pneumonie- das klingt vergleichsweise geradezu harmlos
im Gegensatz zur befürchteten Leukämie.
Zwar erfordert auch die diagnostizierte Erkrankung
eine stationäre Weiterbehandlung mit schwerem Antibiotika-Geschütz,
doch die Angst fällt augenblicklich ab von mir,
macht dem Vertrauen und der Hoffnung Platz,
kehrt keine Sekunde in alter Heftigkeit zurück,
dafür tauchen Mut und Sicherheit auf, das schaffen zu können.
Ich stelle mich aufs Kämpfen ein
beruhigt und zugleich bestärkt durch das Wissen,
sehr gute Chancen zu haben
diese Krankheit zu besiegen!

Ladina, Oktober 2001
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Das Sterben
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Es ist in den Gedanken aller Betroffener
immer wieder ein Hauptthema, das Sterben,
aber im Gespräch mit onkologischen Stations-Mitarbeitern
ein fast ständiges Tabu.
Das Sterben, das eigene Sterben
rückt einem mit der Diagnose Krebs
buchstäblich auf den Leib
und mit ihm auch Ängste, Unbehagen, Fragen.
Erst ist das alles durch den Schock der Diagnose in sich verschlossen,
erst zaghaft kann man sich dem neuen Leben
und den neuen Empfindungen öffnen.
"Wie stirbt man an Krebs?"
wagte ich eines Tages die mir liebste Krankenschwester auf der Onko zu fragen, kurz vor der Chemotherapie.
"Aber, aber, wir wollen doch jetzt nicht ans Sterben denken!" meinte sie entrüstet und blieb mir jegliche weitere Antwort schuldig.
Und ich blieb allein mit meinen Ängsten,
auch später, als ich diese Frage an andere richtete.

Inzwischen ist es so, dass ich mich auf "meiner" Station
durchaus gut aufgehoben und geachtet fühle,
doch zum Sterben möchte ich nicht dorthin zurückkehren.
Wie sollte ich auch an einem Ort getrost loslassen können,
wo schon das blosse Gespräch über das Sterben
keinen Platz bekommen hat?

Ladina, November 2001
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Trockenbrot-Theorie
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In meinen Kindertagen hatte ich ein Erlebnis,
welches mich nun,
in Verbindung mit meinem Sterben gebracht,
sehr verunsichert und Fragen aufwirbelt.
Meine Cousins und ich hatten ein hartes Brot im Hühnerstall gefunden.
Es war steinhart und federleicht,
sodass wir dachten, es sei innen sicher hohl.
Wir wollten das Geheimnis des trockenen Brotes lüften
und warfen es zu Boden, traten heftig auf es ein,
es klang hohl, aber das Brot verlor nicht eine Krume.
Schliesslich kletterten wir auf das Tenn hinauf
und warfen es mit aller Kraft vom Heustock hinunter auf den Vorplatz.
Endlich brach es auseinander und wir rannten hin
um zu sehen, was drinnen in dem Brot war.
Es war seltsam, nicht so wie erwartet.
Das Brot war nicht hohl, aber steinhart, auch im Innern.
Nur ganz in der Mitte, auf einem Fleckchen von ca. 1cm Durchmesser,
da war es noch ganz weich - wie lebendig - so wie es ist, wenn man es essen kann.
Aber aussenrum war alles vertrocknet.
Ich hatte damals als 8-jährige Mitleid mit dem Brot,
ich dachte, wir hätten es gequält und umgebracht.
Heute habe ich dahingehend Gedanken und Ängste,
dass es beim Sterben ebenso sein könnte,
dass äusserlich alles tot und ohne Wesen erscheinen könnte
aber ganz tief innen, vielleicht im Gehirn noch lebendige Zellen sind,
zu denen die Nachricht noch nicht vorgedrungen ist
und deren Leben von aussen nicht erkennbar ist,
aber noch spürbar in mir.
Ich habe Ängste, dass ich mein Fühlen nicht mehr mitteilen kann
und meine Hilferufe ungehört bleiben…

Ladina, November 2001
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Unterricht für die Zukunft
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Jeden Tag übe ich einige Minuten
Fingerfertigkeiten oder Handgriffe mit einer Hand auszuführen,
welche ich gewohnterweise sonst mit beiden Händen tue
oder ich versuche, Dinge mit links zu machen,
die ich gewöhnlich rechts ausführe.
So schreibe ich links,
mache einhändig Knöpfe an meiner Jacke zu
oder ziehe so eine Mütze über.
Nicht alles geht schon gut und elegant von der Hand,
aber das Üben zeigt bereits Erfolge,
welche Wochen zuvor noch irreal schienen.
Wenn etwas gar nicht klappt,
kann ich die 2. Hand zu Hilfe nehmen.
Noch ist das alles wie ein Spiel
aber eines Tages gilt es ernst.
Um an diesem Tag
nicht vor einer unüberwindbaren Mauer zu stehen
und keine Zukunft mehr zu sehen,
gebe ich schon heute meinen Händen Unterricht,
damit es weiter gehen kann

Ladina, November 2001
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RAUMFORDERUNG
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Zwei sauber abgegrenzte Flecken
sind auf den CT-Bildern
an Sieb- und Keilbeinhöhle ersichtlich.
Ihrer Struktur nach zu schliessen sind sie kaum bösartig
doch Gewissheit bringt nur die PE.

"RAUMFORDERUNG unklarer Genese"
das sind die Stichworte,
die mir auf dem Krankenblatt entgegen springen
und obwohl ich die beruhigenden Worte des Onkologen
noch in Erinnerung habe,
läuten alle Alarmglocken in mir beim Wort Raumforderung.

Zu oft hat dieses Wort
für mich schon Krebs bedeutet!
Es hat einen aggressiven Charakter
und es ist aufdringlich wie kaum ein anderes Wort im Medizinerlatein.
Raumforderung bedrängt,
wie ein Räuber, der Wohnraum für sich beansprucht,
ohne wirklich Aufenthaltsrecht zu haben.

Es ist nicht nur ein harmloses Wort.

Es fordert Raum
auch in meinen Gedanken…

Ladina, November 2001 (eine Woche nach der Kontrolle)
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Am Tag der OP
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8 Stunden vor der geplanten Operation
gehe ich spazieren
beschreite bedächtig den Weg,
die Augen weit offen
in der Hoffnung
dem Tag der OP
einen freundlichen Eindruck
zu geben.

Um nichts in der Welt wollte ich
jetzt am Tag der OP
lange ausschlafen
und dann mit dem Fahrdienst des Roten Kreuzes ins Spital gebracht werden - ganz bequem,
scheinbar ohne viel zu denken
- genau das würde mir zu denken geben.

Dieser Tag der OP ist ein Tag mit schwerem Inhalt
2 semimaligne Tumore werden links von der Schamlippe entfernt,
ein Tag, mit einer dunklen Erinnerung verbunden
und mit Schmerzen.

Doch soll der Tag nicht nur traurig sein,
nicht nur voller Schatten.
Ich möchte ihm einfach die Chance geben
als sehr wohl lebenswerter Tag
in meine Erinnerung einzugehen.

Ich möchte etwas Freude spüren
jetzt vor der OP
um danach
wenn vielleicht Tränen fliessen
mit der Erinnerung an die Freude davor
diesen Tropfen einen Sonnenstrahl entgegen zu setzen,
sodass ein Regenbogen entstehen mag,
der von der Düsterkeit des Himmels
ins Morgen leuchtet

Ladina, Dezember 2001
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Der Weg zum Leben mit Krebs
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Mit der Diagnose Krebs geht Hand in Hand
auch der Gedanke an den Tod.
Erst ist da die nackte Angst und das blanke Entsetzen,
doch meistens wächst daraus dann die Kraft und der Wille zu kämpfen
gegen die beiden Widersacher des Lebens,
gegen den Krebs und gegen den Tod.

Das Leben bekommt einen ganz anderen Stellenwert,
ist nicht mehr so wie früher einfach selbstverständlich.

Irgendwann stellt sich vielleicht eine Besserung ein,
der Tumor hat sich zurückgebildet oder er ist kleiner,
der Gedanke an den Tod ist wieder unaufdringlicher,
aber er verschwindet kaum mehr ganz.
Kommt die Krankheit wieder, sind die Gedanken meist noch stärker da.

Dann gilt es, sich damit auseinander zu setzen,
sowohl mit der Krankheit als auch mit dem Tod.
Es gilt die Möglichkeiten zu erforschen,
das, was Angst macht, zu ergründen
aber auch die Hoffnung nicht zu vergessen.
Es gilt, den Gefühlen standzuhalten,
nicht davor wegzulaufen.
Es gilt,
unter dem Schatten einen Weg zu suchen.

So kann das Leben weiter gehen,
auch mit der unheilbaren Krankheit,
auch mit dem Wissen um den Tod.

Einfach Tag für Tag annehmen, das Beste aus ihm herausholen.
Ich erlebe es nicht als verpfuscht, mein Leben,
das Hand in Hand mit dem Wissen um die Unheilbarkeit meiner Krankheit geht.
Es kann sogar spontaner, reicher und intensiver sein.
Es braucht nicht der Weltuntergang in sich selber zu sein.
Es hat noch Zukunft
im Hier, im Jetzt und im Morgen!

Leben mit Krebs -
Aussenstehenden ist der Gedanke daran vielleicht ein Horror.
Betroffene selbst finden auch nicht sofort einen Weg.

Aber er zeigt sich
im täglichen Leben
im Weitergehen jeden Tag von Neuem.
Er gestaltet sich nicht bei allen gleich,
selbst er zeigt sich in einer faszinierenden Vielfalt.
Doch wer ihn sucht und ihm eine Chance gibt, der findet ihn:
seinen oder ihren ganz individuellen Weg
zum Leben
mit Krebs

Ladina, Februar 2002
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Bedenkzeit
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Ohne einen wesentlichen neuen Tumorbefund
nimmt die 9.Kontrolle innerhalb von 2 Jahren
mit der PET-Untersuchung ihr vorläufiges Ende.
Mein Körper war tatsächlich imstande
neues, bösartiges Tumorwachstum zu verhindern.
Er ist stärker als jemals zuvor.
Nie hätte ich gedacht, dass ich noch einmal so weit komme,
dass nicht in jedem Jahr irgendwo ein Tumor wächst.

Aber es ist wahr
und nun ist die Zeit reif dafür
die Kontroll-Termine zu lockern
ihre jährliche Anzahl von High Risk 4
auf 3 oder gar 2 zu kürzen.

So sehr ich mir solches oft wünschte,
so sehr fürchte ich mich jetzt davor, die Kontrollen zu kürzen.
Es fällt mir schwer zu glauben, dass diese langen 2 Jahre
"rückfall-freien" Daseins eine Fortsetzung auf weitere Monate
oder gar Jahre haben können.

Der Zustand meines Körpers jedoch erlaubt ganz klar die Beschränkung,
die Ärzte sagen alle: Es ist soweit.
Nach allem, was war, ist dies ein Meilenstein,
ein grosser Schritt nach vorn
von dem kaum einer mehr zu träumen wagte.
Die Krankenkasse ist sowieso mit allem einverstanden, was die Kosten senkt und auch mein Verstand hat es eigentlich begriffen.
Doch mein Gefühl tief innen zittert
und ich bitte mir Bedenkzeit aus.

Ladina, Februar 2002
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Alltags-Glück
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Wie oft in den vergangenen Jahren
habe ich mich gesehnt
nach einem ganz gewöhnlichen Alltag
wie ihn viele in meinem Umfeld erlebten.
Nach einer längeren Zeitspanne von Tagen ohne Bangen ums Leben,
ohne Kämpfen gegen den Krebs oder mit Nebenwirkungen der Therapie,
ohne das Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein.
Nach Unbekümmertheit und der Möglichkeit,
meine Tage so zu gestalten
wie sie mir Freude machten.

Doch oft wartete ich vergeblich
und oft war ich nahe dran aufzugeben-
Nur eine leise Hoffnung liess mich weiterleben.

Ein einziger, solcher ersehnter Tag
brachte Licht in die Dunkelheit.

2 oder 3 Tage in Folge
haben die Zuversicht genährt und mir Kraft gegeben.

30 davon erschienen wie ein Traum, so schön.

730 solche Tage
kommen einem Wunder gleich!

Ladina, 17. März 2002 (2 ganze Jahre frei und ohne Chemo)
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(K)ein verlorener Tag
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Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und Atemprobleme
sie bleiben mir auf den Fersen, seit Tagen schon.
Egal ob ich Fahrrad fahre, arbeite oder spazieren gehe,
egal, ob ich ein langes Mittagsschläfchen halte oder keines.
Das Wetter ist so schön,
mich zieht es nach draussen,
etwas neues entdecken, das ist mein Ziel
doch mich lähmt nur das schon Gehabte,
diese Müdigkeit und die Atemprobleme,
der Konzentrationsmangel, der mich soooo langsam macht.
Alles zieht irgendwie an mir vorbei.

Und zwei Stimmen kämpfen in mir:
eine, die mir sagt: Ich muss jetzt zum Arzt, das ist nicht normal, so schlapp zu sein!

Und eine andere, die meint: Ach was, wird schon nicht so schlimm sein. Nur nicht locker lassen. Bleib zäh und beiss es durch.

Und ich schaue auf das Wetter, das einlädt zum draussen sein
und ich bin versucht, auf die 2. verharmlosende Stimme zu hören.

Doch die Vernunft wird lauter
im leisen Ruhen im Zug.
Ich telefoniere per Handy dem Spital
kriege gleichen Abends noch einen Termin,
halte 1 ¼ Stunden später
einen bedenklichen Hb-Wert von 6 in den Händen
und mit ihm eine Erklärung für die Beschwerden.

Bekomme einen Transfusionstermin für Ostermontag,
weiss, den Tag kann ich abschreiben,
da ist kein Draussensein und Bewegen mehr drin,
nur noch Ruhen.

so gesehen ist Ostermontag
ein verlorener Tag
doch zugleich ist er doch auch
der erste Schritt zum Sieg.

Ladina, 1.April 2002

(Jetzt im Wohlbefinden des darauffolgenden Dienstags weiss ich,
dass es gut war, den Montag zu opfern
denn erst jetzt kann ich wieder richtig geniessen.
Ladina, 2. April 02 Stadtgärtnerei Zürich)
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Andere Gesetze
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Mit dem Ende der intensiven Nachsorgekontrollen
bricht für mich eine neue Zeit an.
Zeit, etwas mehr Normalität zu leben.

Aber
eine längere Abgeschlagenheit oder Müdigkeit,
zwei Tage Fieber ohne Grund, vermehrt blaue Flecken
oder geschwollene Drüsen irgendwo
bleiben für mich Alarmzeichen,
die ich nicht übergehen und übersehen darf,
die für mich ein Zeichen sind
zurück zu gehen zu den Ärzten.

Manche schimpfen mich zimperlich, ohne jegliche Substanz, lächerlich,
sagen: Ach, jeder ist mal müde, dramatisier nicht, steigere dich da nicht rein!
Und ich will nicht zimperlich wirken
und bleibe noch ein Weilchen tapfer,
lehne mich noch mal zurück
warte noch ein wenig zu,
aber es bessert sich nicht.

Schliesslich gebe ich auf, gehe zum Arzt,
höre von ihm: "Gut, dass Sie kommen!"
schwindle etwas, wenn er fragt, wie lange es mir schon so geht,
kann mich nicht richtig gut fühlen,
wenn er mich dann rühmt: "Gut, dass Sie so SCHNELL gekommen sind!

Ich muss noch viel lernen,
lernen zu handeln im rechten Moment
lernen zu deuten, was kritisch ist
und zu übergehen, was es nicht wert ist.

Ich muss das oberflächlich vorhandene Wissen
erst noch ganz tief in mich hineinsaugen,
es kapieren, auch wenn andere maulen, mich verlachen,
mir weh tun mit ihren Bemerkungen.

Ich muss es einfach glauben,
was die Ärzte und der Onkologe sagten
und es total verstehen,
es notfalls auch verteidigen
und damit verantwortungsvoll und vernünftig umgehen lernen,
dass andere Gesetze gelten
in meinem Körper.

Ladina, 2.April 2002
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Zukunftsaussicht
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Ohne an Übersinnliches zu glauben,
kenne ich ein Stück meiner Zukunft.
Der Verlauf meiner Krankheit im Endstadium
ist bei allen gleich,
nur wann es anfängt, weiss ich nicht.
Meist macht dieses Wissen
meine Gegenwart umso lebendiger. umso freudvoller
umso intensiver erlebbar,
doch manchmal, meist im Winter
schleicht die Angst sich an
wird fratzenhaft und riesengross
und ich kann nicht vor ihr fliehen
und gehe fast zugrunde an ihr.
Diese Angst vor dieser Zukunft verhindert nicht deren Auswirkung,
betäubt und verdunkelt nur die Gegenwart.
Sie lähmt die Lebensgeister und frisst die Hoffnung auf,
bringt an ihrer Stelle einen Vorgeschmack auf diese Zukunft
mitten in die Gegenwart.
Einen Vorgeschmack der bitter ist,
dessen Eindruck ich nicht einfach übergehen kann,
der so unendlich lange im Gedächtnis haften bleibt
länger als alle Träume
von unbeschwerter Lebenszeit

Ladina, 2. April 2002
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Veränderte Einstellung
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Mit der Lockerung meiner Nachsorgekontrollen
und der viel besseren Lebensqualität
hat sich etwas ganz Entscheidendes
in meinem Leben verändert:
Der Tod ist für mich nun wieder
am Ende des Lebens
und nicht mehr wie vorher
mittendrin im Leben

Ladina, 7.April 2002
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Am letzten Tag meines Lebens
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Eines Nachts im Traum
trat eine Gestalt auf mich zu und sagte: Du wirst ewig leben!
Ich bekam mit dieser Botschaft endlich
eine Perspektive von der Zukunft ohne Krankheit
und ich nahm mir vor,
zu all meinen Traumzielen in der Welt zu reisen
und ihre Wunder zu entdecken.
Ich fing mit Feuereifer an, die Reisen vorzubereiten, voller Vorfreude,
sah mich in Gedanken schon auf Madeira, in Schweden, in Peru, in Norwegen, Neuseeland, Australien, Brasilien, Island und in den Nationalparks in Amerika, in Slowenien, in der Wüste, der Bretagne und in Cornwall.

Doch mitten in die Vorbereitungen trat plötzlich wieder die Gestalt
und sagte zu mir: Ich habe mich getäuscht. Du wirst morgen sterben!

Und schlagartig erschienen mir all meine Reisepläne so nichtig
und unwichtig und ich verwarf sie ohne einen Moment von Gram.
Ich wollte nun nicht mehr in die Fremde,
sondern einzig zu jenem Menschen,
bei dem es mir immer schon so wohl gewesen ist.
Dort wollte ich meinen letzten Tag verleben.

Wenn es zu Ende geht,
findet man zum Wesentlichen zurück
und eine vertraute Freundschaft
ist soviel mehr wert
als alle Reisen in die Fremde.

Nach dem Aufwachen
war und ist der Traum noch lang in mir präsent,
seine Botschaft ist tief in mein Innerstes eingegangen.

In mir leben zwar noch immer
ganz leise Träume von Reisen, da und dort hin
doch ein Tag mit und bei diesem Menschen
wird mir immer wichtiger sein
als ein Flug
hinaus in die Welt!

Ladina, 23. April 2002
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2 oder 3?
°°°°°°°°°
Zwei Zahlen stehen zur Diskussion
und mir allein ist es überlassen
mich für eine von ihnen zu entscheiden.
2 oder 3?

Zwei Zahlen,
die einen Rattenschwanz von Inhalten haben,
die zugleich Gewinn und Verlust bedeuten,
die Hauptgewinn sein können, aber vielleicht auch Todesstoss.

Welche von beiden möchte ich lieber,
welche Konsequenzen vermag ich zu verkraften?
Wie oft lasse ich meinen Körper auf neues Tumorwachstum prüfen?
Wie oft mag ich mich dieser Nervenzerreissprobe aussetzten?
2 mal oder 3 mal?
2 mal reicht!

Wie oft will ich meinem Körper die Chance geben,
seine unliebsamen Krebs-Gäste für andere erkenntlich
und damit vielleicht vernichtbar zu machen?
Halte ich auch selber eine längere Zeit der Ungewissheit aus?
Gehe ich 2 mal oder 3 mal im Jahr in die Nachkontrolle?
Jetzt ist mir wieder 3 mal lieber.

Es ist, egal wie ich mich entscheide
eine folgenschwere Entscheidung.
Zugleich Zusage und Absage,
zugleich positiv und negativ.

Die Frage, in weniger als einer Minute gestellt,
braucht 2 Monate bis sie,
nach reiflichem Hin- und Herüberlegen,
nach ausdauerndem Abwägen dafür und dagegen
von mir beantwortet wird
und ich die definitive Antwort gebe
und voll dahinterstehe,
3 mal pro Jahr zur Kontrolle zu gehen

Ladina, April 2002
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Mückenstiche
°°°°°°°°°°°°°
Mückenstiche an Armen und Beinen
teilweise juckende Pusteln
sind seit einigen Tagen
auch wieder an meinem Körper sicht- und fühlbar.
Vorbei ist die Zeit,
wo ich inmitten eines Mückenschwarmes
am Ufer des Bodensees liegend
nicht einen ihrer Stiche abbekam.
Vorbei ist die Zeit,
wo dieser Umstand Menschen um mich herum
zum Staunen und Wundern veranlasste.
Eine neue Zeit ist angebrochen,
eine Zeit, die mir Hoffnung schenkt.
So lästig diese Mückenstiche auch sein können,
so sehr stellt mich dennoch die Tatsache auf,
dass ich für die Mücken wieder existiere.
Nicht der Akt des Gestochenwerdens freut mich,
aber der Hintergrund.
Es ist ein sicheres Zeichen dafür,
dass sie mich wieder attraktiv finden,
dass ich nicht mehr wie der Tod auf sie wirke,
dass kein Chemoschweiss mehr aus meinen Poren dringt,
dass ich ihnen nicht mehr stinke,
dass sie mich wieder als gewöhnlichen Menschen wahrnehmen
und mich am Leben wähnen

Ladina, Juni 2002
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Der Schmerz in der Seele
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Furunkel auf der Kopfhaut
verunmöglichen mir ein schmerzfreies Liegen
und wecken mich immer wieder auf,
bevor ich richtig in Tiefschlaf falle.
Erst ist das noch nicht so tragisch,
aber nach einigen ruhelosen Nächten
wächst meine Verzweiflung,
ich bin empfindlich wie ein rohes Ei,
die Anklage wird laut,
die Frage: Warum denn immer ich?
dreht in meinem Kopf Kreise
bis mir richtig schwindlig wird
und ich mich dem allem ausgeliefert fühle.

Mein Kopf sagt mir: Ach was ist denn schon dabei, hast schon Schlimmeres mitgemacht!
Mein Kopf sagt mir: Ist ja nicht bösartig, sind ja nur Furunkel!
Mein Kopf sagt mir: Daran stirbst du nicht, das geht vorbei!
Ich versuche mich zusammenzureissen, nicht im Selbstmitleid zu versinken.

Doch der Schmerz in der Seele bleibt.

Ladina, Juni 2002

WICHTIG, bitte beachten:
Meine im Krebsforum.ch verfassten Beiträge und Gedichte (Urheberrecht) dürfen in anderen Foren, oder HP’s nicht ohne meine persönliche Zustimmung kopiert oder veröffentlicht werden.
Zuletzt geändert von Ladina am Sa 8 Aug 2009 21:53, insgesamt 1-mal geändert.

Ladina
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Fortsetzung Band 8: Der Krebs

Beitragvon Ladina » Sa 2 Feb 2008 18:23

WICHTIG, bitte beachten:
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Am Berg
°°°°°°°°°
Jetzt während der Tour de Suisse
tauchen in mir Erinnerungen auf
an die Zeit, als ich selber im Velosattel Rennen fuhr.
Ich verfolge die Tour und weiss genau,
wo ich Gewinnchancen gehabt hätte und wo nicht.
Sicher nicht beim Prolog in Luzern
und auch nicht beim Zeitfahren.
Da schlugen mich immer fast alle.
Aber am Berg drehte ich auf.
Dann, wenn die meisten an ihr Limit kamen,
da wuchs ich über mich hinaus,
da trat ich in die Pedale,
da war mir die Ankunft auf dem Gipfel als Erste oft gewiss.
Kurzstrecken bis 40 km lagen mir nicht,
ab 70 km begann ich mich wohl zu fühen
bei 120 km war ich im Element.

Und wenn ich mir das so überlege,
war das auch sonst bei mir so ähnlich.
Diktate schrieb ich zwar fehlerfrei, aber ich kam nie mit, weil ich zu
langsam war.
In der Handarbeit war ich am Schwanz
und brachte nicht mal den obligatorischen Strumpf zu Ende.
Es lag nicht daran, dass ich faul gewesen wäre.
Ich brauchte einfach mehr Zeit.

Aber überall, wo die Liebe zu Detail zählte
in Aufsätzen oder bei Projekten,
da war ich nicht zu bremsen und nicht zu schlagen,
da setzte ich alle meine Energien frei
und gehörte zu den Favoriten.

Meine Schwester war gerade umgekehrt,
bei ihr musste es immer wie der Blitz gehen.
Sie ist von uns beiden, rein äusserlich gesehen, die Erfolgreichere,
sie wird bald Schulleiterin sein
und sie geht als Siegerin aus allem, was sie tut hervor.

Von mir kann man das so nicht sagen,
ich bin abgeschlagen
und zähle in der Normalbevölkerung sicher nicht zu den Gefragtesten,
bin nicht mehr voll integrierbar als Folge der Erkrankung
sowie durch eine schwere Sehbehinderung.

Aber mir Ausdauer und Durchhaltewillen
bin ich zu einer Arbeitsstelle gekommen.
Ausdauer und Durchhaltewillen zeichnen mich aus
und die Qualitäten meiner Leistung.
Ausdauer und Durchhaltewillen
waren einfach schon immer meine Stärke
ob in der Schule, beim Sport
oder wahrscheinlich auch im Leben mit der Krankheit
Ich war nie eine Sprinterin.

Und doch gehöre auch ich zu den Siegern
- auf einer anderen Ebene

Ladina, Juni 2002
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Eine Erkältung?! - Das ist doch nichts!
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Als mir vor bald 16 Jahren kurz vor der Transplantation erklärt wurde,
dass als Folge der Immunsupression
ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht
und ich wohl künftig öfter mit Erkältungen und Pilzen zu tun haben würde,
da habe ich lauthals gelacht.
Eine Erkältung, was ist das schon, wenn man Leukämie hat?
Eine Erkältung - das ist doch nichts!
Pilzbefall? - Nun ja, nicht gerade angenehm
aber sicher immer noch besser als Leukämie.
Man bekommt als Krebspatient
eine Art Überheblichkeit,
die den normalen Krankheiten manchmal ziemlich unsensibel begegnet,
vor allem, wenn Leute wegen Schnupfen jammern.

Natürlich unterschrieb ich den Zettel mit den Risiken
und wurde transplantiert, nahm 10 Jahre lang Sandimmun
und schlich es schliesslich aus.
In diesen Jahren machte ich auch wahrlich Hunderte von Infekten durch.
Angenehm war es nicht, aber ganz klar besser als Leukämie.

5 Jahre bin ich nun clean - clean vom Sandimmun,
dem Abwehrdämpfer-Medikament,
Mein Immunsystem aber ist kaum aktiver geworden,
Infektionen und Infekte geben sich bei mir quasi die Hand
- trotz stärkenden Massnahmen wie kalte Güsse, Zungenbürsten, Nasenspülungen mit Salz, Ecomucil, Ecchinacea und vitaminreicher Kost,
kaum eine Woche kann ich ohne irgendeine Entzündung begehen:
Periostitis, Sinusitis, Stomatitis, Augenentzündung, Gingivitis, Glossitis, Otitis, Brustwandentzündung, Sehnenscheidenentzündung und wie die Diagnosen alle heissen.
Glücklicherweise blieb ich von Lungenentzündungen bis auf 2 mal verschont.
Aber es bleiben Schmerzen, die wie Feuer brennen, allgemeine Schwäche,
schreckliche Druckschmerzen.

Ich habe aufgehört zu zählen,
wie oft pro Jahr ich Infekte habe.
Wenn man bis März schon auf 35 kommt,
weiss man eh, woran man ist.

Es ist nicht schlimmer, vor allem nicht bedrohlicher als Leukämie,
aber je öfter ich an solchen Infekten neu erkranke
umso schwerer wiegt es für mich
umso belasteter fühle ich mich.

Ich bereue es heute, über jene Leute gelacht zu haben,
die an einem simplen Schnupfen litten.
Ich merke, wie mich diese Infekte mehr und mehr ermüden,
wie es auch an mir zehrt, immer wieder zum Arzt zu gehen,
weil es alleine einfach überhaupt nicht besser wird.

Und ich merke, dass es mir auch Angst vor der Zukunft schürt,
wenn ich mir bewusst darüber werde,
dass es wohl immer so weiter geht

Ladina, Juni 2002
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Diese SCHLAPPEN Zeiten
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"Erstaunlich, wie du dem Krebs trotzen kannst, wo dir doch schon die kleinste Krankheit immer derart zu schaffen macht!"
- ein Satz, der nicht aus dem Mund eines Menschen im Umfeld stammt, obwohl ich mir vorstellen kann, dass recht viele auch so denken,
eher ein Satz, den mir mein Unterbewusstsein
in mein inneres Gedankenleben pflanzte.
Dieser Satz wird gross wie eine Palme,
nun, da ich mit bakterieller Magen-Darm-Infektion mal wieder flachliege,
wo die Übelkeit jene der Chemo praktisch übersteigt,
wo Antibiotika das Restliche dazu geben,
wo die axilär und rektal gemessenen Temperaturen und der CRP am 3.Tag anzeigen, dass ich nicht zu den 98% gehören werde, die diesen Infekt innert 2-4 Tagen besiegen und in den gewohnten Alltag zurück kehren.

Früher, wenn ich nach jeder Neuerkrankung die Kraft hatte,
Ja zu sagen zur Therapie, die Nebenwirkungen auszuhalten
und lange Zeit später
ganz langsam, in kleinen Schritten
zurück in ein normales Leben fand,
so dachte ich anerkennend von mir: Ich bin schon sehr stark!
Und ich fühlte mich unverwüstlich.
Das war ein gutes Gefühl.

Ähnlich war es auch vor der Krankheit, wenn ich ein Rennen gewann.
Ich fühlte mich stark und war es wohl auch!

Meine robusten Waden erinnern noch heute an die kraftvollen Zeiten,
doch jetzt, wo ich so schlaff im Bett liege,
fühle ich nichts mehr davon.

Und doch ist es so, dass ich dem Krebs trotze
seit 17 Jahren schon und 2 ½ davon ohne jegliche Therapie.
Irgendwo muss etwas sein, in oder an mir,
das mir hilft zu bestehen,
auch wenn die momentane Schwäche in mir Zweifel züchtet.

Und dann denke ich,
dass diese schlappen Zeiten
in so läppischen Krankheiten
wohl irgendwie doch wichtig sind.
Das dies die Zeiten sind,
wo sich die Kraft oder was auch immer es ist,
sich aus mir zurückzieht an den Ort ihres Ursprungs,
um sich dort zu nähren und sich auszuruhen,
sich aufzubauen und neue Energien zu tanken
um dann in Zeiten wirklicher Not
wieder voll für mich da zu sein

Ladina, Juni 2002
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POLYNEUROPATHIE
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2 ½ Jahre lang habe ich nun schon keinen Fuss mehr zur Chemo ins Spital gesetzt und trotzdem spüre ich meine Füsse immer noch nicht wieder,
trotzdem ist das Gefühl in ihnen nicht zurückgekehrt,
obwohl mir noch Hoffnung gemacht worden war.

Aus den zaghaft und schlurfend gesetzten Schritten der ersten Monate
ist sichereres Auftreten geworden,
doch mein Gang ist nicht stabil, ich schwanke oft
den Boden unter den Füssen spüre ich nicht.

Und keiner verliert ein Wort darüber,
in all den Krebsratgebern wird die POLYNEUROPATHIE
höchstens am Rande erwähnt, als vorübergehende Nebenwirkung bezeichnet und als selten,
dabei kenne ich schon etliche Leute, die es länger haben wie ich.

Wir alle leiden darunter, denn POLYNEUROPATHIE ist quälend.
Da, wo andere etwas spüren - ist bei uns nur Dumpfheit oder Kribbeln,
und dort, wo andere nichts fühlen, haben wir ein Stechen, Brennen und einfach Schmerzen ohne äussere Einwirkung.

Durch dieses Totschweigen überall
fühlt man sich als Betroffene weder wahr- noch ernstgenommen,
es ist, als ob man gar nicht existierte mit diesem Problem,
als ob das Problem selber nicht AN-ERKANNT würde.

Selbst wenn niemand hilfreiche Tipps zur Beseitigung der Polyneuropathie geben kann, so glaube ich, wäre es wichtig, das Thema anzusprechen
und sei es auch nur, um zu zeigen,
dass wir nicht vergessen sind

Ladina, Juli 2002
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CHEMO
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Bis vor drei Jahren stets wiederkehrender Alltag,
das Wort Chemo war fast im Dauergebrauch,
durchgemacht und immer wieder erklärt, da und dort.
Dann der Abschluss der Behandlung: Out off Chemo, Chemo ade.
Nur noch erinnernd dachte ich ab dann an sie,
wenn Nebenwirkungen oder Spätfolgen plagten.
Noch später sprach ich nur noch erwähnend davon,
wenn ein Bekannter behandelt wurde.
Lange Zeit noch blieben Emotionen wach in mir um dieses Wort,
doch eines Tages, ich weiss nicht wann,
verblassten sie zusehends.
Plötzlich wieder da! Mit dem Befund Hamartom.
Nun, nach 3 Jahren ohne Chemo
steht das grauenhafte Wort mit seiner furchtbaren Wirklichkeit
wieder vor mir wie ein Gespenst.
Nie hätte ich gedacht, dass ich es so vergessen könnte,
dass es wie ein Fremdwort ist im Wortschatz der Gegenwart.
Nie hätte ich gedacht, dass ich es als solche Bedrohung wahrnehmen würde,
wo ich doch die Strapazen der Behandlung schon so oft bestanden habe.
Nie hätte ich solches gedacht und doch ist es so,
dass ich jetzt fassungslos dastehe, alles wäre alles neu
als wüsste ich nichts über diese Therapie.

Ladina, Juli 2002
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Aussen vor (Fragen an die Angehörigen)
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In St.Gallen noch besuchte ich Hamp öfters,
war für seine Fragen da
und auch für seine Wutausbrüche und Ängste,
mit denen seine Eltern Mühe hatten.
Bevor er nach Bern zur Operation kam
bat er mich noch, meine Adresse in seine Agenda zu schreiben
und ich tat es in gelungener Schönschrift,
auch um ihm zu demonstrieren,
man kann wieder schön schreiben lernen nach einer Gehirn-OP.
Ich habe ihm Mut dazu gemacht,
doch mir blieb ein kleines Detail seines Befundes verborgen,
ein kleines Detail, das ungeheuer viel Gewicht auf meine Seele legte,
als ich davon erfuhr.
Mir ist es im Nachhinein ein Trost,
dass auch seine Eltern die Operation befürworteten.
Dann war diese OP in Bern, sie galt als gelungen,
aber als Hamp erwachte, konnte er nichts mehr sehen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr richtig bewegen.
Als ich dies erfuhr, war ich erschüttert
und ich brauchte einige Tage, bis ich den Mut in mir spürte,
Hamp zu besuchen.
Letzten Freitag, am 26.Juli fuhr ich ins Inselspital Bern,
fragte mich bis zur Neurochirurgischen durch
und erfuhr von einer Schwester, dass Hamp nicht mehr da ist,
also, nach einem Herumdrucksen,
dass er doch verstorben sei, schon am 11.Juli.

Für mich war das entsetzlich, denn ich habe es nicht gewusst,
keine Anzeige, keine Meldung und kein Telefon der Angehörigen bekommen, obwohl sie mich doch kannten
und sie meine Adresse in Hamps Agenda sahen.
Mir blieb keine Chance zu Hamps Begräbnis zu fahren.

Warum?
Warum liess man mich aussen vor?
Wieso geben manche Angehörige uns Mitpatienten keinen Bericht,
keine Meldung, senden manchmal keine Todesanzeige,
wieso verwehren sie einem die Möglichkeit,
Abschied zu nehmen von Freund?

Ist es die Angst uns zu begegnen,
die Angst, uns trösten zu müssen, wo sie doch selber gerade untröstlich sind?

Ist es vielleicht, weil sie auf eine Art böse auf uns sind, da wir noch leben
und ihr Liebstes nicht?

Oder ist es, weil sie uns schonen möchten,
uns nicht an unseren eigenen möglichen Tod erinnern wollen?
Wissen sie nicht, dass wir ohnehin oft darüber nachdenken?

Ich komme mir abgeschoben vor, ausgeschlossen,
wie nicht zugehörig und unerwünscht.
Ich weiss nicht, was ich machen soll:
SCHREIBEN, SCHWEIGEN oder SCHREIEN?
Ich bin in dieser Sache wie betäubt
und zugleich so sehr aufgewühlt.

Es ist nicht das erste Mal,
dass ich es erst spät von jemand anderem erfahren habe,
wenn ein Bekannter oder Freund gestorben ist,
aber das Plus an solchen Erfahrungen
macht mich nicht geübter im Umgang
mit den daraus resultierenden Gefühlen,
sondern verunsichert mich nur mehr und mehr und mehr…

Ladina, 2.August 2002
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Fragen über Fragen III
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Schmerzen im Bereich des Rückens und des linken Beines,
die auch nach einer Cortisonspritze nicht abflauen
lassen mich aus dem Wohlbefinden heraus überfallartig
wieder den Schrecken der Angst vor Metastasen spüren
und Panik beginnt sich auszubreiten,
obwohl die letzte Kontrolle gerade mal 6 Wochen zurückliegt.

Und schon beginnen sich wieder Fragen zu formen.
Fragen wie: Was tue ich, wenn der Krebs zurück kehrt?
Was bin ich bereit, ihm oder der Therapie zu opfern?
Und wo sind die Grenzen, die ich nicht überschreiten will?

In Anlehnung an Hamp Krankheitsverlauf,
welcher durch die Operation am Gehirnstamm
seine Fähigkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen verlor,
weiss ich bestimmt, dass ich das nie möchte,
dass ich dann lieber mein ganzes Leben hergeben möchte,
als alle diese Fähigkeiten.
Ich denke, ich würde mir ein Bein abnehmen lassen,
wenn eine Chance darin läge, ebenso eine Brust,
der Gedanken an den Verlust eines Armes aber ist mir ein Greuel,
doch ich habe da Gottseidank auch keine Beschwerden.

Aber wenn es wie bei Hamp am Stamm sein sollte, irgendwann,
dann weiss ich, dass ich lieber ganz gehen möchte.
Ich habe die Möglichkeit, eine OP zu verweigern,
aber dürfte ich überhaupt nein sagen
zu einem Hilfsangebot?

Ich denke an die Menschen,
die durch einen Unfall zu Tetraplegikern werden,
durch Kopfverletzungen vielleicht weitere Fähigkeiten verlieren
wie sehen oder sprechen.

Sie haben keine Wahl, müssen so weiterleben,
müssen es nehmen, wie es gekommen ist,
mit all dem Kummer innen zurecht kommen.

Ich frage mich, würde Gott mein Nein denn verstehen,
oder mich als feige oder undankbar empfinden,
weil ich seinen Plänen für mein weiteres Leben absage?

Würden es die Ärzte verstehen,
dass meine Ängste von einem "toten" Leben
grösser sind
als jene vor dem wirklichen Tod?

Und ich habe Bedenken,
ob ich wirklich ganz aus mir entscheiden könnte
wie es für mich stimmt,
ohne darüber nachzudenken
oder zu verzweifeln,
dass andere mein Entschluss
verletzt…

Ladina, August 2002
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Angst-Gefängnis
°°°°°°°°°°°°°°°°
Angst wegen diesen Schmerzen und dem Tinnitus
erst ist noch Kraft da sie erfolgreich zu verscheuchen,
sie zu verdrängen,
ihr Hoffnung entgegenzusetzen,
doch sie wird stark und stärker,
verdrängt alle andern Gefühle,
bis nichts mehr da ist,
was ich der Angst entgegensetzen kann
bis sie allen Raum in mir ausfüllt
und alle Gedanken nur noch um sie herum kreisen.

Angst ist lähmend
und sie hat mich ausser Gefecht gesetzt,
ich kann gar nichts mehr tun.
Vor kurzem noch machte ich einer Bekannten Hoffnung,
hisste für sie die Flagge der Zuversicht,
so ehrlich, wie ich sie empfand.
Und nun?
Wo sind sie nur geblieben,
diese starken Gefühle und die hoffnungsvollen Perspektiven?
Ich kann sie nicht mehr finden in mir.
Da ist jetzt nur noch Angst!
Ich kann keine neuen Hoffnungen mehr züchten und aufziehen.

Doch ich kann schreiben und ich kann noch gehen,
Schritte wagen aus dem Angst-Gefängnis
Ich kann zu jemandem gehen, der fähig ist
neue Hoffnung in mich zu pflanzen,
der mein Klima innen wieder belebt und heilen kann,
sodass positive Gedanken wieder spriessen mögen

Ladina, August 2002
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Das alte Lied
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Tinnitus-Terror im Ohr und Schmerzen im Rücken.
Nacht für Nacht das gleiche Lied.
Lärm und Schmerzen bis früh am Morgen.

Bis sie sich langsam verabschieden,
begrüssen die Vögel schon den Tag,
erwacht draussen schon das Leben
und mir möchten die Augen zufallen vor Erschöpfung,
doch ein neuer Arbeitstag ist da.
Streng, manchmal auch locker,
abwechslungsreich, doch niemals gleich
voller Überraschungen, guten oder bösen,
doch immer auch ein Neubeginn,
eine Geburt zur Hoffnung.

In der Nacht aber,
wieder das gleiche Lied,
Lärm, Terror im Ohr und diese Schmerzen.
Schlaflos, rastlos sein,
gelangweilt, weil die Nacht sich nie was Neues einfallen lässt
als das alte Lied von Terror im Ohr und Schmerzen.

Harren auf den beginnenden Morgen
und doch auch wünschen,
es wär noch lang dahin
es gäb noch Zeit zu ruhen,
es gäbe endlich ein Verstummen
des Terrors im Ohr, der Schmerzen,
aber der da drin denkt nicht daran,
seinen Krach zu unterbinden, die Schmerzen fortzunehmen,
egal, wie sehr ich mich auch sehne
egal wie sehr ich es mir wünsche.

Dann Morgen,
alle Kräfte zusammenbündeln
um den neuen Tag zu bestehen.
Diesen, den nächsten und alle!
Alle, die aus ungeruhter Nacht hervor gehen.

Immer neue Tage erleben,
doch immer alte Nächte durchleiden,
die mir kein Schlaflied gönnen,
sondern ein Straflied dröhnen
dessen Grund mir stets verborgen bleibt.

Ich habe noch Träume zu leben,
viele neue Tage lang,
doch meine Lebenskräfte schwinden
in den alten langen Nächten der Schlaflosigkeit…

Ladina, August 2002
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In einem neuen Land
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Ich hatte immer Glück bisher.
Der Krebs war ein Krebs,
ein einziger Tumor, den es zu bekämpfen galt
auf den allein ich mich konzentrieren konnte.
Ein bedrohlich schwarzer Berg
der sich vor mir aufgetürmt hatte,
den ich Stein für Stein abtragen konnte,
bis die Aussicht ins Leben wieder offen war.
Und ich habe es immer wieder geschafft
mit Hilfe von vielen,
den Krebstumor zu vernichten.

Plötzlich eine neue Wirklichkeit,
viele bedrohlich schwarze Berge wachsen wie aus dem Nichts,
überall um mich her aus dem eben noch grünen Boden
und ragen bis in den Himmel,
verdunkeln meine ganze Landschaft,
meine Aussicht rundum ist versperrt
und ich fühle mich ausgeliefert, gefangen und hilflos.
Verstört blicke ich mich um.
Was ist denn nur geschehen??

Der Arzt sagt: Sie haben Metastasen, nicht eine, nein viele, unzählige!
Ich will kämpfen,
doch ich weiss nicht wie und wo ich beginnen soll.
Welchen der vielen Berge muss ich als erstes aus dem Weg räumen,
gegen welchen mental angehen?
Welche der vorgeschlagenen Therapien wählen?
Ich habe keine Ahnung, keine Erfahrung,
befinde mich in einem neuen Land,
auf neuem Territorium, das viele Metastasen birgt.
Ich habe schon fast 20 Jahre Krebserfahrung,
doch niemals hatte ich mehr als eine solitäre Metastase,
die es zu besiegen galt.

Ich fühle Panik und Stress in mir, bin überfordert,
mein Herz schlägt wild und Schweiss tritt auf meine Stirn,
ich zittere am ganzen Körper
und ich weiss nicht, in welche Richtung ich mich bewegen soll.

Die Berge um mich werden immer mächtiger und grösser.
Es gilt zu handeln, sagt der Arzt- schnell
doch entscheiden muss ich,
abwägen, Pro-Kontra, eine Therapie oder die andere?

Ich kann nicht! Ich weiss nicht!
Was jetzt???

Ich erwache schweissüberströmt und zitternd.
Völlig ausser mir und doch wie gelähmt.
Was war?
Habe ich bloss schlecht geträumt,
oder schon im Traum verarbeitet, was mir bevorsteht?

Ladina, August 2002
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Wieder Periostitis
°°°°°°°°°°°°°°°°°
Mit der neuen Diagnose sind die Ängste vor Metastasen verstummt
und ich bin wieder beruhigt,
kann mich aufs Wesentliche konzentrieren,
z.B. darauf, die Antibiotika-Therapie mit positiven Gedanken zu begleiten
und den Spitalaufenthalt als Chance zu rasten anzuerkennen.

Es ist noch einmal gut gegangen,
ich kann die folgenden 3 Monate bis zur Kontrolle
vorerst wieder ohne Angst erleben.

Doch was wird sein
beim nächsten Mal,
wenn wieder irgendwo neue Schmerzen auftauchen,
wenn sie wieder Ängste aufbauen wie Wolkenkratzer so hoch,
explosiv und zerstörerisch wie Bomben,
wenn wieder Krieg in meinem Innern ist?

Was wird sein,
wenn Ängste wieder alles tyrannisieren
und die Unterdrückung innen fühlbar wird,
sodass ich glauben muss, es hätte auf alles übergegriffen,
als wären längst alle natürlichen Grenzen zerstört,
wenn Magen, Darm und Gehirn
von selben Schmerz erfasst werden?

Ich kann nicht immer, so wie diesmal ins Spital
und eigentlich will ich das ja auch nicht

Irgendwie muss es mir gelingen,
die Ängste künftig allein zu entschärfen,
ihnen ihren vernichtenden Inhalt zu nehmen
ohne sie zu verleugnen.

Ich muss mit diesen Ängsten und Gefühlen leben lernen,
ich darf und muss sie mir eingestehen,
doch nicht mehr zu ernst nehmen.
Sie dürfen nicht mehr über die Gedanken
ins Handeln übergreifen
und alles lahmlegen.

Ich muss lernen zu funktionieren
die Ängste ruhig zu empfinden
nicht in totale Panik auszubrechen.

Vertrauen wird mein bester Lehrmeister sein auf diesem Weg,
das Morgen, ganz wie es kommt, zu bejahen…

Ladina, August 2002
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Mut hat viele Gesichter
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Mut hat viele Gesichter
manchmal heisst er reden
manchmal Schweigen,
manchmal heisst er einem andern helfen
und manchmal sich selbst helfen lassen
manchmal heisst er Lachen
und manchesmal auch Weinen.

Manchmal ist er gross
und manchmal eher klein - aber er bleibt der Mut,
der Mut, etwas anzunehmen oder etwas zu ändern.

Manchmal ist er höflich
und manchmal ziemlich unverschämt,
manchmal heisst er Sich Zurückziehen
und manchmal ERST RECHT vorwärtspreschen.
Manchmal ist er leise
manchmal wankt er
manchmal muss er Kräfte sammeln
und manchmal hat er zuviel davon um wirken zu können.

Manchmal heisst Mut
Ja zu sagen
und manchmal Nein.

Manchmal ist Mut sogar zu petzen um Unheil zu verhindern
und manchmal ist Mut, ein Geheimnis zu bewahren.

Und wer in einem Moment,
wo Du weißt: Ich hab Mut
behauptet, du wärst feige
der hat eine wichtige Lektion im Leben noch nicht gelernt:

Mut hat viele Gesichter,
er besteht nicht nur im Kampf, in der Stärke.

So wie jeder Mensch ein anderer ist,
anders ausschaut,
anders fühlt
so ist auch der Mut
nicht bei allen das Gleiche.
So drückt sich auch der Mut
ganz anders aus
bei Dir
und bei mir.

Aber, wenn jeder für sich spürt: Es ist Mut
- dann ist es richtig
egal, was wir tun!

Ladina, Oktober 2002 für ks-schnecke
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Der Alptraum eines Morgens
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Langsames Auftauchen aus einem tiefen Schlaf,
es kribbelt im Gesicht,
es piekt, als wenn da Haare wären auf den Kopfkissen.
Erinnert mich daran, wie es war nach der Chemo,
genau so ein Gefühl.
Kann ja nicht sein. Wahrscheinlich träume ich noch.
Minuten später bin ich richtig wach,
doch das Gefühl der piekenden Haare bleibt,
greife mir rasch ins Haar um den Traum endgültig zu verscheuchen,
doch ich spüre ein kahles Stück Haut auf dem Kopf
Haare kleben an meinen Fingern,
ich drehe beinahe durch!!!
Was ist los? Warum verliere ich meine Haare?
Meine Haare, drei Jahre lang schön gewachsen seit der letzten Chemo,
sie fallen einfach so aus.
Das ist das Grauenhafteste Gefühl - dieses Unerklärliche.
Es ist nicht wie nach einer Chemo - es ist noch viel schlimmer.
Ich war nicht darauf vorbereitet,
niemand sagte mir, dass das passieren würde.
Es war nicht wie ein Handel oder wie ein Tausch,
wie bei der Chemo unter dem Motto: Gut kannst meine Haare haben,
wenn du mir dafür den Tumor nimmst!
Es kam so aus dem Hinterhalt,
es ist wie ein Raub und innert 3 Stunden stehe ich vor dem Nichts,
auf dem Schädel ist kaum ein Haar mehr übrig.
Sie liegen wie gefallene Soldaten nach einem Krieg im Zimmer herum,
und ich kenne den Gegner nicht,
weiss nicht, wer angegriffen hat und warum?!
Tausend Fragen in meinem Kopf,
Versuche das Unerklärliche zu erklären,
überhaupt zu begreifen
was da passierte - einfach so.
Die Kälte zieht am kahlen Schädel hoch
von jetzt auf sofort fühle ich mich todkrank und verloren.
Verloren in der Welt jener, die Haare haben
und ebenso verloren auch in der Welt der Chemoglatzen.
Nirgends gehöre ich jetzt mehr dazu mit meiner grundlosen Glatze,
überall fragende und entsetzte Blicke
und die dürftigen Erklärung des konsultierten Hautarztes
beruhigen die Ängste nicht,
lassen die Fragen nicht verstummen,
verunsichern fast noch mehr.
Kreisrunder Haarausfall lautet die Diagnose, als Sonderform Totale Alopezie, dazu hochtoxische Aluminiumwerte
keiner weiss wieso, Mangelernährung wird ausgeschlossen.
Haarbodenanalyse ergibt hohe Entzündungswerte und Eiteransammlungen.
Die geschwollenen Lymphknoten am Hals erhärten dies zusätzlich.
Lauter Fakten,
die dennoch keine Erklärung sind,
die den Grund nicht verraten
warum mir
ein solch grauenhaftes, schmerzvolles Verlieren meiner Haare
überhaupt
geschehen ist!!!

Ladina, 7.01.2003, einen Monat danach
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Enttäuscht von mir
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Im Normalfall stellt es für mich längst kein Problem mehr dar,
über meine Tumor-Vergangenheit zu sprechen.
Es ist ein Teil meiner Biographie,
den ich nicht leugnen kann
und auch nicht muss,
weil ich mich doch an sich mutig
diesem Schicksal gestellt
und es besiegt habe,
wenigstens auf Zeit.

Doch vergangenen Dienstag,
einem Tag vor DEM Tag,
an dem ich in Basel die Ergebnisse der Untersuchungen
mitgeteilt bekommen sollte,
war das Unterfangen, über meine Krebsgeschichte zu sprechen
eine buchstäblich furchtbare Angelegenheit für mich.

Es fiel mir so unendlich schwer, davon zu erzählen,
mich an alle Tumore zu erinnern,
die schon mein Leben bedroht haben
und sie beim Namen zu nennen
gegenüber meiner neuen Atemtherapeutin.
Ich konnte und wollte mir diese Tumore in diesem Moment nicht bewusster machen,
als sie es ohnehin schon sind.
Ich wollte sie mir nicht näher kommen lassen,
wollte sie nicht auf den Plan rufen.

Doch ich konnte meine Aussagen dennoch nicht verweigern,
nicht das Thema wechseln,
nicht fliehen vor der grausamen Wahrheit,
die ich zugleich aussprechen und anhören musste
und die mir somit noch näher trat
als all das normale Wissen in mir.

Ich sprach es aus
mit einem Lächeln auf den Lippen, das den Tränen verbot, auszuströmen
um den Schmerz lindern zu können.
Ich sprach es aus
als beträfe es mich kaum,
als sei es die Geschichte eines anderen oder eines Niemands.

Ich sprach die Wahrheit und kam mir trotzdem wie eine Lügnerin vor,
weil ich es so, wie ich es sagte, nicht wirklich empfand,
weil ich Stärke vortäuschte
um die Schwäche nicht zu spüren,
um den totalen Zusammenbruch zu verhindern
und weil ich wahrscheinlich in diesem Auftritt so schwach und schäbig wirkte
und vermutlich auch unglaubwürdig.

Und wenn ich auch weiss,
dass es die Notlösung meiner Seele war
solche Reaktionen zu erzeugen
so fühle ich mich doch seither
so sehr enttäuscht von mir selber…

Ladina, 29.Februar 2004
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Wenn ich mir einst ein Grab aussuche
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Schon lange steht für mich fest,
dass ich mich kremieren lasse
aber ebenso lange weiss ich,
dass ich trotzdem ein Grab mit Blumen haben möchte
an einem hübschen Ort.
Wenn ich mir einst ein Grab aussuche
so möchte ich eines,
das an einem wohltuenden Platz liegt,
nicht gleich angrenzend an eine Mauer oder eine Strasse
vielleicht unter einem grossen Baum, auch welchem Vögel singen.
Wenn ich mir einst ein Grab aussuche
an einem schönen Ort,
so tue ich das nicht für mich,
so habe ich noch ein letztes Mal vielleicht die Möglichkeit,
eine wohlwollende Geste für meine Freunde und Angehörigen zu machen,
indem ich mir ein Grab aussuche
an einem guten Ort
wohin man gerne kommt
und getröstet wieder geht…

Ladina, August 2004
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Silbermantel
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Einmal
an einem düsteren Regentag,
wo ich schon glaubte, es würde nie mehr aufhören zu giessen,
schaute ich zum Himmel hoch und ich entdeckte,
dass jede dieser dunklen Wolken
einen Silberrand besass,
der wie ein Trost wirkte
und der eine Art Leichtigkeit oder Erleichterung in mein Herz brachte.
Und oft habe ich seitdem zu den Regenwolken aufgeschaut
und von jeder leuchtete mir ein Silberrand entgegen,
egal wie dunkel die Wolke auch war.

Auch auf der Erde bei den Menschen gibt es Wolken,
schwere dunkle Wolken aus Verleumdungen, Streitereien, Krieg, Unglücken, Krankheit, Schmerzen, Trauer und Leid.
Wolken, die dunkler nicht sein könnten,
an denen Existenzen zerbrechen
und manchmal das Leben.
Diese Wolken haben meist keinen Silberrand -
sie sind schwarz und bedrohlich, lassen keinen Ausweg erkennen,
manchmal kann Regen in Form von Tränen sich aus ihnen lösen,
oft aber bleibt nur Starre und Verständnislosigkeit
und Dunkelheit und Leid in der Seele
und viele sind durch solche Wolken
regelrecht aus dem Leben gescheucht worden.

Auch mein Tag war heute voller dunkler Wolken,
schwarzer, schwerer, vernichtender und unheilvoller Wolken,
an denen ich zu zerbrechen drohte und auch mein Leben.

Aber ich lebe noch weil ich Zuflucht gefunden habe
und meine Wolken dadurch einen Silberrand erhielten.
Einen Silberrand durch einen verstehenden, mittragenden
liebevollen und fürsorglichen Menschen,
der den Tränen Raum liess,
den Fragen ein Ohr schenkte
und dem Körper den äusseren Frieden.
In allem Leid leuchtete dennoch ein Licht,
die dunklen Erdenwolken haben einen Silbermantel umgelegt bekommen
behutsam und voller Wärme
und mit einem Hauch von Zuversicht.

Auch so kann Palliativ-Pflege verstanden werden,
kann psychisches Leid ummantelt werden
durch Aushalten, Mittragen, Lindern
ohne grossen Aufwand, ohne teure Auslagen
einfach im Dasein und Dableiben
damit das Sein und das Bleiben, also das Leben
für den leidenden Menschen wieder einen Sinn und ein Licht bekommt
welche hindurchtragen
durch all die schweren Tage.

(Liebe Frau Sailer, ich kann Ihnen nicht mit Worten sagen, wie sehr Sie mir heute geholfen haben, wie viel mir das auch für das Morgen noch wert ist. Für immer in tiefer Dankbarkeit an meine Atemtherapeutin, die, zusammen mit Barbara und Reni wesentlich dazu beitrug, dass ich die Mobbing-Attacken meiner Chefin lebend überstand)

Ladina, 10. September 2004
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Von der Last, sich nicht vorbereiten zu können
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Lange Zeit war die dunkle Seite meines Lebens meine schwere Erkrankung,bzw. die Veranlagung zu Krebs.
Schon das Bestehen der jeweiligen Situation,
sei es eine Therapie gewesen oder eine Untersuchung
kostete mich enorm viel Kraft.
Die helle Seite war der Gedanke wieder an die Arbeitsstelle zurück zu kehren,
zu all den Mitarbeiterinnen und Kunden,
die sich immer freuten, mich wieder zu sehen.
Das gab mir Kraft und Durchhaltewillen.

Heute denke ich oft, wozu habe ich nur so gekämpft,
denn die Situation auf der Arbeit wird mehr und mehr zur Hölle.
Was die ganze Krankheit nicht fertigbrachte in all den Jahren,
schaffte das Verhalten meiner neuen Chefin in wenigen Monaten.
Ich drohe zu zerbrechen,
und habe Angst vor dem Morgen.

Auch die Krankheit hat, wenn sie fortschreitet gewiss ihre Schrecken,
an die ich nicht ganz gelassen denken kann.
Doch ich kann mich dennoch gedanklich annähern
an all die Möglichkeiten und überlegen oder schriftlich festlegen,
was dann noch für mich in Frage kommt.
So habe ich mit dem Gedanken an Hirn- und Lungenmetastasen
ebenso auseinandergesetzt,
wie mit der Möglichkeit, eine Brust oder einen Arm zu verlieren.
Durch all die intensiven Gedanken ist mir jede dieser Situationen
irgendwie vertraut geworden,
manchmal halfen mir Gleichbetroffene.
Ich bin darauf, soweit man das kann, vorbereitet.
Es ist kein echter Schrecken mehr.

Was mir aber bei der Arbeit passiert
lässt sich nicht vorwegdenken.
Ich weiss von keinem, dem es gleich gegangen ist
alles drischt unvorbereitet auf mich ein
es übersteigt mein Vorstellungsvermögen,
es verletzt mich weitaus schwerer als der Krebs
und es hat den Lebenswillen geschwächt.

Der Gedanke, dass mir gesagt würde, da ist wieder ein Tumor,
der ist nicht mehr so grauenhaft wie jahrelang davor.
Ich will nicht sagen, die Arbeitsseite sei jetzt dunkel und die Krankheitsseite hell,
aber sie haben nun in etwa die gleiche Farbe
und was die Krankheit am Körper vollzieht,
machen meine Chefin und die Personalchefin mit meiner Seele und meiner Zukunft.
Bösartig und vernichtend sind sie nun alle beide.

Ladina, 11.September 2004
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SCHWEIGEN
°°°°°°°°°°°°
Dort, wo Schweigen
Bände spricht
wo stumm mehr gesagt wird
als mit tausend Worten,
dort hat das Hören keinen Platz,
dort braucht es Menschen,
die HORCHEN können,
damit eine zerbrochene Seele
Zuflucht findet

Ladina, Dezember 2004
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Traum-Bilder
°°°°°°°°°°°°
Meine Träume in der Nacht
verkünden derweil Krieg.
Bomben
Kampf
Feuerroten Himmel
Rauch aus Ruinen
aber auch
körperlichen Schmerz
Wunden an mir
inneren Druck
Infusionen und Übelkeit

Erinnerungsträume
oder
Zukunftsträume?

Ladina, Dezember 2004
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Draussen vor der Tagi
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Auf einer winterlichen Stadtwanderung
führte mich heute der mehr oder weniger zufällig gewählte Weg
direkt zum Eingang der Tagesklinik am Kantonspital.
Bis vor 2 Jahren ging ich hier wöchentlich 1-2Mal rein und raus,
ich kannte all das Personal,
hatte bald raus, ob Arbeitsplan A oder B in Kraft war,
wusste oft sogar, an welchen Tagen ich welches Personal antreffen würde.
Und nun bin ich tatsächlich draussen.
Ich lebe ein praktisch normales Leben ohne Tagi,
ohne wöchentliches Blutbild, ohne ambulante Chemo, ohne Medi-Spiegel, ohne Port-Spülen.
Ich stehe draussen und muss nicht rein,
nicht heute, nicht morgen, nicht in absehbarer Zeit,
längst weiss ich nicht mehr, wer dort noch arbeitet.
Ich bin tatsächlich draussen,
abgenabelt von der Tagi.
Dieses Glücksgefühl und Bewusstsein
verleiht mir buchstäblich Flügel in der Seele.
Ich schwelge in dieser Euphorie.
Wenngleich ich auch nicht geheilt bin,
so fühle ich mich praktisch gesund und ganz weit oben,
so, als hätte ich die Krankheit hinter mir
und sie ganz alleine im Schlammassel sitzen lassen.

Ladina, Dezember 2004
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Ich bin da
°°°°°°°°°°
Nichts ist mehr so, wie ich es verlassen habe, als ich ging
in die jahrelange Behandlung
mit Chemo, Bestrahlung, OP und KMT
mit all ihren Beschwerden
aber auch mit all den Hoffnungen.
Nichts ist mehr so wie es war,
die Leute sehen mich nun anders,
die Freunde von damals sind fort,
alles, was damals Halt gab, ist verschwunden
nur ich
ich bin noch da,
neue Freunde sind da,
das Leben ist da und mir wieder wohler gestimmt
- all dies nährt Hoffnung
inmitten der Sinnlosigkeit einer unheilbaren Krankheit
- all dies schenkt Mut
für jeden neuen Tag.

Ich bin zwar angeschlagen an Leib und Seele
aber dennoch nicht ganz zerbrochen.
Ich bin noch da und lebe noch gerne
trotz allem.

Ich bin tatsächlich noch da
und ich bin nicht allein!

Ladina, Dezember 2004
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Man trennt sich nicht so leicht
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Man trennt sich nicht so leicht von dem Ort,
an dem man 15 Jahre lang mit Leib und Seele tätig war.
Ich habe hier viel Schönes erfahren
stets ein gutes Verhältnis zu Arbeitskollegen und Kunden gehabt
ich sah Kinder heranwachsen
vom Baby zum Jugendlichen
vom Kind zum Erwachsenen
Ich habe manches Schicksal miterlebt und manchmal Kummer lindern können.

Man trennt sich nicht so leicht von dem Ort,
an dem man 15 Jahre lang mit Leib und Seele tätig war.
Ich war hier tief verwurzelt.
Wenn es mit schlecht ging, haben mir die Gedanken an die Menschen hier
wieder neue Kraft gegeben.

Doch jetzt ist es anders,
trotz allem Trost und Beistand,
trotz allem Mitgefühl von den Kollegen
in mir ist dunkle Nacht, ein grosses schwarzes Loch
ich kann einfach nicht mehr.
Ich muss gehen.

Der Hass eines einzigen Menschen hier hat alles zerbrochen
was ich bis jetzt noch glauben konnte,
an was ich mich bis jetzt noch halten konnte.
Mobbing - ich habe dieses Wort nie benutzt bis heute.
Ich habe abgewiegelt, wenn andere schon längst davon sprachen.

Seit dem 22.12.05 hat sich das verändert.
2 Tage vor Weihnachten habe ich das Messer an den Hals gesetzt bekommen,
mit Hinterlist hat mich diese Chefin in eine Falle gelockt.
Mir wurde Angst in die Seele gepflanzt, pünktlich zum Fest der Liebe.
Ich kann nicht mehr lachen,
nur manchmal rinnen leise Tränen

Ich trauere um den Ort, der 15 Jahre lang meine 2.Heimat war

Ladina, 25.12.2005

Gekündigt
+++++++
Wer etwas wirklich will
sucht Wege
und schafft Auswege.
Wer etwas nicht will
sucht Gründe
und schafft Abgründe!

Ladina, 26. 12. 2005
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Mitternachtsmesse
°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Mein erster Kontakt damals mit der Mitternachtsmesse
war in der 4.Klasse, wo wir mit dem Kinderchor dort
Weihnachtslieder aus aller Welt sangen.
Seitdem bin ich alle Jahre immer wieder dabei, selbstverständlich
Dann die Rückkehr der Krankheit 1979,
die alles in mir und meinem gewohnten Alltag ins Wanken brachte,
auch diese Messe- inzwischen in jahrelanger Tradition von einer Bläsergruppe begleitet,
deren Spiel mich stets von neuem erfreute, vor allem Stille Nacht,
1980 durfte ich zu Weihnachten heim, aber nicht in die Messe wegen tiefen Leuko-Werten.
Weihnachten ohne Messe ist kein richtiges Weihnachten.
Ich stahl mich in die Kirche wie Aschenbrödel zum Ball,
verhüllt mit Mundschutz und Schal wohnte ich zuhinterst in der Kirche-
auf dem Sprung neben der Tür, 2 Strophen Stille Nacht bei
und huschte in der dritten wieder raus und heim ins Bett,
so als wäre nichts gewesen und ich hielt die Melodie in mir wach.
Der Wille: ich bin nächstes Jahr wieder dabei,
liess sich nicht beugen trotz der bangen Frage:
Bin ich nächstes Jahr überhaupt noch da?
1981-1986 war ich da.
1987 und 1988 leider nicht, nur in Gedanken
der Wille und die Frage blieben
1989 klappte es wieder
1990, die Umstände waren problematisch, man wollte mich partout nicht mitnehmen im Rollstuhl, mich nicht ausstellen, all die Fragen, ach nein, bleib doch zu Hause, das ist doch alles so unbequem.
Sie gingen zu Fuss ohne mich,
ich dachte, lieber ausgestellt als abgeschoben und weggesperrt und fuhr,
kaum waren sie ausser Sichtweite, an die Tür,
rief: Wer hilft mir? in die Nacht hinaus.
Ein später Nachbar war mein Helfer.
Wir blieben beide hinten, zur Kommunion bat ich ihn, mich hinauszufahren, damit mich die Eltern nicht sehen.
Nach der Kommunion holte er mich leise wieder rein UND gab mir eine Hostie!
Es war für mich so eine Geste, wie sie nur vom Himmel selbst kommen kann, es rührte mich zu Tränen und auch als Stille Nacht mit den Bläsern gesungen wurde, weinte ich.
Nach der 2.Strophe fuhr ich ab, wieder heim, die kurze Treppe schaffte ich robbend, und zog mich dann an der Türe hoch.
Nur der Rollstuhl blieb halt draussen stehen und verriet mich praktisch,
doch an Weihnachten streitet man ja nicht.
Die folgenden Jahre war ich immer offiziell dabei
in verschiedener Verfassung
oft ohne Haare, 2 mal mit Mütze, 2 mal mit Perücke
Jedes Jahr die gleiche Frage und der gleiche Wunsch, der sich zum Willen formte.
Jedes Jahr seit 1989 auch plaudern mit Karin,
auch dort dieses Versprechen: Tschüss, bis nächstes Jahr!
obwohl wir beide wissen, dass es nicht so selbstverständlich ist.
1994 lag ich auf der Intensiv,
2003 fiel ich wegen eines bronchialen Infektes aus,
aber dieses Jahr, war ich wieder da.
Bei der Kommunion sah ich förmlich Karin's Erleichterung, ihr Aufatmen und den leichten Schubs an ihre Mutter: "Da, Ladina!"
Stilles Einvernehmen im Vorübergehen
Zunicken als Zusage: Nachher draussen
Es ist schön, wenn man erwartet wird.
Die Frage und der Wille sind immer noch da.
Bleiben wohl, wie die schöne Tradition der festlichen Bläserbegleitung.
Bleiben wie die Rührung beim Stille Nacht
Und so lange sie da sind, glaube ich
hoffe ich und lebe ich - trotzdem.
Ich bin nicht ignorant geworden, ich bin nicht überheblich,
ich traue mir nicht alles zu,
doch in mir lebt der Wunsch, mehr zu erreichen.
Hier in dieser Mitternachtsmesse mit ihren festlichen Klängen
feiere ich für mich jedes Jahr das Fest der Liebe
und immer wieder den Sieg meines Lebens!

Ladina, Dezember 2004
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Ewigkeit
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Ich habe früh in meinem Leben
Endlichkeit erfahren,
das Gefühl, dem Tod schon bald preisgegeben zu sein.
Jeder neue Tag ist darum ein Sieg
und ein freundliches Augenzwinkern der Ewigkeit,
das mir zuteil wird

Ladina, Februar 2005
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Vertraute Hand
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Angekommen
Angenommen
Aufgenommen
Warm und sacht umgeben
Geborgen sein

Eine vertraute Hand halten oder einen vertrauten Menschen umarmen
ist wie eine Heimat gefunden zu haben
auf Zeit

Ladina, März 2005
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Wichtig ist in allem Leid,
dass irgendwo ein Zeichen der Hoffnung
sicht- oder spürbar bleibt

Ladina, Juni 2005
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Ende meiner Gedichte
Zuletzt geändert von Ladina am Sa 8 Aug 2009 21:55, insgesamt 1-mal geändert.

Jens B
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Klasse Gedicht !

Beitragvon Jens B » Mi 4 Jun 2008 20:33

Hallo liebe LADINA ! Ich habe einige Deiner Gedichte gelesen, sie gefallen mir sehr gut ! Eines hat mich aber besonders beeindruckt / "berührt" und zwar: "Die Hoffnung findet ihren Platz" Sehr schön, macht sehr nachdenklich....
Viele liebe Grüße und alles Gute ! Jens B

negueza
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Beitragvon negueza » Mo 16 Jun 2008 23:30

Liebe Ladina, danke für Deine Antwort auf meine Frage.
Es ist zwar schon spät, aber dennnoch will ich Dir schreiben.
Vor einer guten Stunde ging das Fussbalspiel Deutschland gegen Österreich zu Ende. Die Deutschen haben gewonnen und sind nun im Viertelfinale der Euro-Meisterschaft. Nun ist hier seit über einer Stunde auf den Strassen, die unser Haus umschliessen wie ein Ring, die Hölle los. Die Wilden fahren mit ihren Autos diesen Rundkurs, betätigen die Hupen an ihren Fahrzeugen ohne Unterbrechung und johlen lautstark. Leider schreitet die Polizei da nicht ein.
Nun aber zu Deinen Gedichten, die ich jetzt schon zu einem Teil gelesen habe. Du hälst uns Betroffenen in manchen dieser Gedichte einen Spiegel vor. Man erkennt sich sehr oft wieder in den Texten. Sie geben Trost und stossen uns an, zu kämpfen oder sich mit dem Krebs zu arrangieren. Das Letztere will ich gerade nicht, weil ich dann einem Feind einen Platz an meiner Seite anbieten würde. Ich habe m ich dazu entschlossen zu kämpfen. Noch habe ich sehr viel Kraft dazu in mir. Ich hoffe, dass das noch recht lange so bleibt.
Jetzt muss ich aber doch zum Ende kommen, aber zum Schluss möchte ich Dir auch etwas mit auf den Weg geben, den wir beide ja offensichtlich ein gewisses Stück gemeinsam gehen, ohne es zu wissen.:
GLAUBE NIE, wenn etwas schwer erscheint, dass es Dir nicht möglich sei, es zu meistern! Wenn etwas irgendeinem Menschen möglich war, dann ist es auch für Dich erreichbar. Wage Dich deshalb mutig an Dinge, an deren Durchführbarkeit Du anfangs zweifelst und vertraue auf die Überlegenheit der inneren Kraft über die äusseren Dinge und Umstände. Lucius Annaeus Seneca

Und dann habe ich noch ein sehr schönes Gedicht. Geschrieben von einer Frau, die ich sehr verehre. Ich lernte sie während meines Aufenthaltes in einer Klinik für Traditionelle Chiniesische Medizin kennen. 5 1/2 Wochen sassen wir gemeinsam an einem Tisch zu den Essenzeiten. Frau Michler ist schon über 8o Jahre alt. Sie hat 20 Gedichtsbände verfasst. Eines schöner als das andere: Es trägt die Überschrift "Ich wünsche Dir Stille"
Ich wünsche Dir Stille,
denn Dein Tag ist zu laut
und sein Lärm bringt Dir Pein.
Es gelingt Dir nicht mehr, bei Dir selber zu sein.
Ich wünsche Dir Stille.
Weisst Du noch, was das ist?
Lass es nicht so weit kommen,
dass Du die Stille schon nicht mehr vermisst!
Ich wünsche Dir Stille,
um Kraft zu behalten.
Um innezuhalten, um Atem zu holen,
muss Schweigen walten.
Ich wünsche Dir Stille.
Bevor Dich das Treiben der Welt
taub und stumpf gemacht hat,
geh hinaus in den Wald
und verlasse die Stadt
oder schliesse Dich ein,
bis die Stille Dein Eigen.
Hat der Tag Dich geschunden,
hilft Dir Einkehr im Schweigen.
Nur die Stille allein lässt Dich wieder gesunden!
Elli Michler
Soviel nur noch zur Poesie. Auch Deine Gedichte haben mich beeindruckt. Sie eignen sich sehr gut dafür, anderen in diesem Forum Kraft zu geben, um gegen diesen Feind in unserem Körper anzugehen.
Es ist jetzt gleich 0.25 Uhr und die Augenlider werden schwerer. Der Lärm auf der Strasse ist verschwunden. Nun kann die Stille Einkehr halten.
Ich wünsche Dir eine gute, angenehme Nacht mit einem erholsamen, schmerzfreiem Schlaf. Und träume etwas sehr schönes.
Ich schicke Dir mehr als tausend gute Wünsche.
Dein Eugen

Ladina
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Nachtrag

Beitragvon Ladina » Do 25 Dez 2008 22:33

Ich entrümple gerade meine Schreibnotizen und fand eben noch etwas, das hierher passt.
Gerade zum Jahresende finde ich passt es gut und ausserdem ist jeder Tag geeignet, um sich bewusst zu machen, dass man ganz viel Glück gehabt hat und für dieses Glück zu danken. In Gedanken auch immer bei den Freunden, die dieses Glück leider nicht hatten, heute besonders verbunden mit Andres Gut, der 63jährig an Mandelkrebs gestorben ist. Ein mutiger, engagierter, herzensguter Mensch, dem ich das Glück, das ich hatte, so sehr auch gewünscht hatte:

Pierre und ich
+++++++++
Vor 15 Jahren trafen wir uns im CHUV auf der Kinderonkologie
Er war damals 10, ich 17
wir wurden beide wegen B-ALL behandelt
erhielten dieselben Medikamente
hatten fast denselben Therapieplan.
Meistens, wenn es uns etwas besser ging, trafen wir uns im Spielzimmer
zu einem Plausch mit den andern von der Station
- mit Ann-Cathrin, mit Yvonne, mit Nathalie, mit Salvatore, mit Janic, mit Davide, mit Leila, mit Jérome
Wir wussten beide um die Gefährlichkeit unserer Krankheit und manchmal tauschten wir unsere Gedanken aus.
Wir blieben in Briefkontakt nach der stationären Zeit,
und trafen uns jedes Jahr ein bis zweimal zum Plaudern.
Ausserdem trafen wir uns öfter auch auf Beerdigungen unserer ehemaligen Kameraden von der Kinderonko.
Wir waren bei Ann-Cathrin, bei Jérome, bei Nathalie und bei Davide
und neben all der Trauer
beschäftigte jeden von uns die bange Frage:
"Werde ich die/der nächste sein?"

Doch das Schicksal meinte es gut mit uns. Lange lange mit uns beiden. Dann wurde er plötzlich krank. Er dachte, es ist nur eine Grippe. Die Angst vor einem Rückfall war nach über 15 Jahren kaum noch da.
Als ihm der Gedanke doch kam, war es leider zu spät, die Therapie griff nicht mehr.

Er starb im September 2004 und ich bleibe noch am Leben.
Warum?
Weil ich stärker war als er, tapferer?
Weil ich mehr gekämpft habe?
Weil mein Krebs nicht so schlimm war wie seiner?
Nein!!!
Ich habe einfach nur Glück gehabt....

Ladina, Dezember 2004

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Zuletzt geändert von Ladina am Sa 8 Aug 2009 22:01, insgesamt 2-mal geändert.

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Kommentar zum Beitrag von Ladina: "Pierre und ich"

Beitragvon Jens B » Do 25 Dez 2008 23:23

Hallo,

ich habe gerade den Beitrag: "Pierre und ich" von Ladina gelesen.
Ich war zu Tränen gerührt!
Dabei ist mir (wieder) bewußt gewurden, dass nicht "nur" EISENER WILLE, Tapferkeit, Mut, Zuversicht - aber auch Vertrauen zu den Ärzten - und unendliche Kraft und Kämpfen unbedingt (!) nötig ist! Sondern, natürlich auch eine große Portion Glück ist von Nöten !!!
Ich wünsche Allen dieses Glück von Herzen!

Euch alles Gute, Jens B.

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Eine andere Weihnachtsgeschichte.....

Beitragvon Bienli » Do 25 Dez 2008 23:27

Liebe Ladina

Wow - wieder mal ein Gedicht von dir!

Hast du schon mal daran gedacht, deine vielen Gedichte zu veröffentlichen?

Du machst den kranken Menschen mit deinen Gedichten so viel Mut.

Liebs Grüessli

Bienli

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Danke

Beitragvon Ladina » Mi 31 Dez 2008 0:39

Machtwort¨
°°°°°°°°°°°°°

ˆˆˆˆˆBei der ersten Krebsdiagnose
fällt mit dem Wort „Krebs“
die ganze Welt in sich zusammen.
Nichts Schlimmeres kann man sich vorstellen,
stockfinster ist es rundherum.

Hatte man schon einmal Krebs
bekommt dieses Wort nicht mehr so eine Macht,
es verliert seinen ganz tiefen Schrecken
und auch wenn der Himmel
sich erneut verdunkelt mit der Diagnose
so leuchtet tief in einem drin ein Stern
der eine mögliche Heilung
verheisst^^^^^^

Dies schrieb ich mit knapp 16 Jahren,
als ich noch nicht wusste,
dass jeder Rückfall einer zuviel ist,
jede Neuerkrankung ein neues hohes Risiko birgt,
dass es einem nichts nützt,
schon Erfahrung in der Bewältigung einer Krebserkrankung zu haben,
weil jede Wiedererkrankung einen nicht stärker sondern schwächer macht.
Als ich mit 21 Jahren wieder erkrankte wusste ich das alles,
ich nahm den Kampf erneut auf
doch in mir trug ich das Wissen, dass die Sterne der Zuversicht
weit weit weg sind,
dass alles irgendwie nicht nur in meiner Hand liegt
und auch nicht in der Hand der Ärzte allein.
Dass etwas Grösseres auch dasein muss.
In dieser Zeit lerne ich zu beten
und zu danken für die guten Tage,
die erst eher spärlich,
aber mit der Zeit wieder öfter kamen
und irgendwann blieben.
Wie durch ein Wunder.
Das Wunder hält an bis heute.
Dieses Jahr wurde ich 41 Jahre alt.
Ich bete noch heute
und danke für die guten Tage,
für all die guten Tage,
die es gab
und immer noch gibt in meinem LEBEN.
In meinem wiedergeschenkten LEBEN

Ich habe allen Grund zu danken,
Gott, dem Himmel, den Ärzten und Forschern, den Freunden und auch den Menschen hier im Forum.

Ich danke Euch allen und wünsche Euch von Herzen das Beste im neuen Jahr und all die Tage, die danach noch kommen. Dass es immer mehr gute Tage sind und dass an schlechten Tagen Menschen da sind, die freiwillig ihr Herz und ihr Gefühl in und an Euch wirken lassen, damit der Lebensmut genährt wird und wieder wachsen kann.

Ladina, im Dezember 2008

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Re: Auch im Tal blühen Blumen - Erfahrungsgedichte von Ladina

Beitragvon Ladina » So 9 Dez 2018 19:12

Hallo zusammen

Ich habe da gerade eine alte Mail ausgegraben, die ich im März 2012 an eine befreundete Person schrieb. Obwohl es kein Gedicht ist, enthält es einiges an, wie ich meine, passenden Formulierungen - und am Ende schildere ich ein Erlebnis, das mir noch jetzt vor Lachen Bauchweh macht - und vielleicht ja noch jemandem. Daher stelle ich es hier mal ein: (ACHTUNG, das Ende ist in Schwizerdütsch)
LG
Ladina

Liebe S.

Danke vielmals für die lieben Worte auf der so beruhigend schönen Monet-Karte und die Steine. Die Steine gebe ich an Isabelle weiter, da sie sie sammelt. Die guten Wünsche und das befreiende Bild werde ich praktisch ein bisschen inhallieren.

Die Strapazen der vergangenen Wochen forderten ihren Tribut, mit einer Streptokokken-Infektion, die dann aber behandelt wurde. Trotzdem machte sich in mir so eine Schwere breit, dass ich dachte, jetzt hast Du ein Burnout und das machte mir höllische Angst. Denn alle Kraft, die ich mir für mein Leben holen musste und konnte, hatte immer mit dem Fühlen und Empfinden von etwas zu tun. Wenn ich das in mir nicht mehr finde, da glaube ich, bin ich echt fast verloren.
Und jetzt ist es nicht ganz so schlimm, wenigstens für mich nicht.
Ich möchte Dir jetzt die frohe Botschaft doch per Mail bekannt geben, für mich ist sie froh, weil jedes andere Leiden für mich einfacher ist zu nehmen, als das seelische.
Die Beklemmung, die ich als furchtbar bedrängten Zustand wahrnahm, hat nun mal in erster Linie und prioritär damit zu tun, dass ich leider gegen das erste, verabreichte Antibiotikum gegen die Streptokokken-Infektion, damals noch auf den Hals beschränkt, resistent war und bin. Die Konsequenzen davon kennst Du. Da es kein Fieber machte nach aussen, sondern nur nach innen, wo ich es nicht messen, aber fühlen konnte, blieb es verborgen und die Streptos liefen da innen in ihrer "Party* zur Höchstform auf und sie suchten noch einen anderen Saal, um noch mehr zu feiern. Und sie fanden ihn in der Lunge und machten noch einen Pleuraerguss, dieser ist nun schon punktiert, aber daher rührte wohl ein grosser Teil der inneren Bedrängnis und verschob mir gefühlsmässig das Herz nach rechts und drückte, ebenfalls gefühlmässig jede Dehnkraft aus der Lunge und überhaupt aus mir. Und das ist nicht ganz so lustig, jetzt, wie ich es schreibe, aber es hilft mir gerade, etwas die Angst loszulassen und zu vertrauen, dass es schon noch gut kommt und die Therapie sich die Chaoten da innen greift und sie unschädlich macht, jetzt mit dem neuen Antibiotikum, das himmlischerweise nicht nochmals metallisch schmeckt, sondern nach Banane - die ja glücklich machen soll.

Und die Musik im Ohr ist was neues, das ich nicht kannte und von dem ich nicht wusste, dass man es auf diese Weise tatsächlich haben kann. Ein sogenanntes Gehörtrauma. Da ich das Glück habe, das es ja wirklich nur ganz leise ist und es mir ein an sich schönes Stück in mehreren Bläserstimmen vorjubiliert, kann ich mir, so sehr der Wunsch da ist, wieder Ruhe im Ohr zu haben, überhaupt Ruhe zu finden im Leben mit mir, dennoch weit schlimmere Traumen vorstellen. Und das meine ich so und ich muss es nicht humoristisch beschönigen, um es besser zu ertragen.

Also hoffe ich, dass ich damit leben und WEITERLEBEN kann und darf. Und dass ich bald selber wieder Party machen kann oder es gemäss meinem Naturell mehr still feiern und mit jenen teilen kann, das Glück, das ich wieder einmal davongekommen bin und leben darf.

Und wenn die Therapie jetzt greift, und das wird engmaschig kontrolliert, mit täglichen Strepto-Abstrichen, dann sollte die Ansteckungsgefahr bis spätestens Mittwoch gebannt sein.

So wünsche ich Dir ein sonniges Wochenende mit kleinen, wunderbar bunten Boten des Frühlings. Jeder für sich ein Überlebenskämpfer.

Ladina

PS:
Und weil ich nicht raus kann, ohne Mundschutz, werde ich heute den Frühling anders in mich nehmen - mit Antonio Vivaldis himmlischen "4 Jahreszeiten" die mir schon früher sehr halfen, als ich vertrauen und einem Wechsel von Auf und Ab standhalten lernen musste - im Life Island war das, in Seattle. Das jährt sich bald zum 23, Mal und ich tue alles, was ich vermag, damit ich diesen Geburtstag wieder feiern kann. Auf dass die HOFFNUNG weiterlebe!

Und dann zum Schluss noch dies, am Freitagabend 2.3.12, live erlebt. Eine Situationskomik vom Schicksal präsentiert, möglicherweise mit einem falsch verbundenen Wüterich, der mir trotzdem sehr sympathisch wurde und dessen Gezeter mir das Lachen, ja, das schallend Lachen in die Seele und jede Faser zurückbrachte, sodass ich heute sogar schon wieder etwas selber "singen" kann. Und die dazu führte, dass ich gestern Abend, schlussendlich die Schmerzen wegen dem Muskelkater vom Lachen mehr genoss, als dass ich unter jenen der Pleurapunktion litt.
ich gebe es mit kleinem Vorspann auf Schweizerdeutsch wieder und ich hoffe, es zaubert auch bei dir ein kleines oder grosses Lachen. Lachen kann sehr heilsam sein. Für vieles:

Ich han leider jo fascht kei Schtimm,
am Telefon verschtoht mer mii nüme,
oder no besser, mer merkt gar nöd, dass ich do bii.
Ha das hüt Obig grad gha und chan jetzt no lache (und lache lööst de bösi Schliiim, de zächi Wüeschtling.
S'schälet und ich nimm, well susch niemert ume isch, s'Telefon ab und säg, dur de Mundschutz dure, so luut ich chan, isch äbe eifach nur e Flüschtere, "Pfischter" und de ander brüelt: Hallo? HalloHalloHallo? und ich säg wieder, jo, do isch Pfischter, und wer sind Sii? und er grad sofort: Maarti, Maarty!" und ich: Jo grüezi Herr Marty, was möchted denn Sie? Er i einer Verröckti: "Marty!, jetzt chum emol, Jo gopferdelli, das huere Telefon vo Cablecom isch scho wieder kaputt" - Päng, uufgleit.


Und s'Luschtige dra, wenn ich wieder z'Wort cho bin und öpis chan säge, denn isch er schtill, und sobald ich uufhöre, toobet er wieter und git mir irgendwie en Antwort, dass ich wieder denke, er ghört mi gliech. Es isch en Dialog gsi, aber irgendwie total am Ziel verbii. Doch ich bi wäg dem jetzt eifach besser uufgleit und de Schliem chan besser us de Lunge weg und de Druck druf vielleicht au.

Und ich überleg mir jetzt, öbi nöd doch i dene Täg wieder mol söll es Telefon abneh und mich nomol chli chan amüsiere.
Doch ich glaube, das hüt, und ich weiss immer no nöd, wär er würkli gsii isch, das isch e Gschenk vom Himmel gsi, damit ich eifach wieder mol chan lache. Gescht und hüt und ich hoffe no lang.

Mit einem lieben und weit aufgestellteren Gruss, als ich es gestern um diese Zeit noch für möglich gehalten hätte....


Ladina


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