Bin grad verzweifelt


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Niya43
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Bin grad verzweifelt

Beitragvon Niya43 » Di 8 Sep 2020 9:18

Liebe Forumsnutzer
Ich bin schon länger eine stille Mitleserin in diesem Forum. Mein Mann hat vor 2 Jahren die Diagnose metastasierter Lungenkrebs erhalten.
Ich selber komme aus der Medizin und habe viele Jahre in der Onkologie gearbeitet. Von dem her ist mir nichts unbekannt und wir meistern den Alltag so gut es geht. Die medizinische Pflege wird seit Anfang durch mich sichergestellt. Was auch gut klappt. Wir haben eine 13 jährige Tochter, ein grosses Haus, viele Tiere und ich arbeite noch 100%. Also, es ist immer sehr viel zu tun und meine Zeit ist sehr, sehr beschränkt. Nun kommt dazu, dass die Mutter meines Mannes innert kürzester Zeit schon 2 Hirnschläge erlitten hat und aus diesem Grund nun in der Klinik ist. Der Grund für die Schläge wurde noch nicht eruiert und es könnte Jederzeit wieder geschehen. Dies macht uns natürlich Sorgen und seine Mama ist auch nicht mehr die Jüngste. Nun ist es so, dass sie Ende des Monats aus der Klinik entlassen wird und es war ursprünglich so vereinbart, dass sie danach 2-3, max. 4 Wochen zu uns kommt, bis für sie eine neue Lösung gefunden wurde. Ja, ich habe dem ursprünglich zugestimmt (für max. 4 Wochen), habe mich nicht getraut ihn zu enttäuschen und ihm zu sagen, dass ich das nicht möchte.
Der Tag x rückt immer näher und es kristallisiert sich nun raus, dass sie anscheinend für längere Zeit bei uns einziehen wird, da noch keine Lösung in Sicht ist, resp. man sich zu spät darum gekümmert hat. Immer wenn ich sagte, dass man schauen müsse wie es nach der Klinik weiter gehe, wurde ich vertröstet. Dazu hätte man später noch genug Zeit....
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen und es ist keine Lösung in Sicht. Dass sie wieder alleine wohnen kann, sehe ich nicht objektiv. Mein Mann und seine Mutter sind davon überzeugt...
Die neue altersgerechte Wohnung, für welche sie sich angemeldet hat, wird erst nächsten Frühsommer bezugsbereit.
Es ist für mich aber undenkbar, dass seine Mutter bis im nächsten Jahr bei uns wohnen wird. Für mich ist es jetzt schon fast zu viel und nochmal ein "Pflegefall" mehr in der Familie ist einfach nicht mehr möglich. Ich habe keine Kapazität mehr und möchte mich nicht noch mehr in immer wieder neue Aufgaben reinknien müssen. Ich schaff das einfach nicht mehr. Mein Mann befindet sich im Endstadium und man weiss nie, wie lange es ihm noch "gut" geht.
Leider ist mein Mann uneinsichtig und möchte unbedingt, dass seine Mutter zu uns kommt. Er möchte für sie dasein. Was ich auch nachvollziehen kann. Aber für mich wird das alles viel zu viel und dass kann oder will er nicht verstehen. Unsere ganze Familie und unsere gemeinsame Zeit (wie lange dürfen wir diese noch haben?) wird auf den Kopf gestellt. Bitte versteht mich nicht falsch, ich habe seine Mutter auch lieb, aber das geht mir zu weit, es ist mir zuviel.
Im Moment wächst mir alles über den Kopf und ich stosse bei meinem Mann auf absolutes Unverständnis. Die Tatsache, dass seine Mutter zu uns kommt belastet unsere Beziehung sehr und ich bin sehr verweifelt und sehe einfach keinen Ausweg. Die letzten 2 Jahre waren nicht einfach und es war für mich oft ein Kraftakt. Mein Leben, meine Wünsche und meine Bedürfnisse haben mit der Diagnose meines Mannes aufgehört zu existieren. Es dreht sich alles nur noch um ihn und es ist mir wichtig, dass es ihm gut geht und er seine Krankheit so gut es geht aus seinen Gedanken streichen kann. Aber warum müssen wir und bei all den Problemen welche wir so schon haben, noch mehr Probleme aufhalsen? Genügen unsere eigenen nicht? Warum kann er nicht verstehen, dass ich so nicht leben kann und will? Warum muss ich, seit seiner Diagnose, immer hinten anstehen? Haben ich als Ehefrau keine Rechte und Wünsche mehr? Manchmal kommt es mir so vor, dass ich erst wieder ein Recht zum Leben habe, wenn alles vorbei ist.
Ich liebe meinen Mann über Alles und wünsche mir noch viele, viele Jahre mit ihm!!! Aber ich gehe so kaputt. Im Moment habe ich sehr starke Zweifel, ob ich das alles schaffe und wie alles weitergehen soll... Danke für eure offenen Ohren und fürs durchlesen des sehr langen Textes. Es hat gut getan alles niederzuschreiben.
Liebe Grüsse
Niya43

Anna-Maria
Beiträge: 9
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Re: Bin grad verzweifelt

Beitragvon Anna-Maria » Fr 11 Sep 2020 16:05

Liebe Niya43

Ihre Zeilen machen mich betroffen. Sie leisten schier Unmenschliches und Ihre Fragen am Schluss sind mehr als berechtigt. Sie haben verschiedene Rollen inne: Ehefrau, Mutter, Berufsfrau, Angehörigenpflegende, Gärtnerin, Tierbetreuerin,... Jede für sich beinhaltet bereits ein ganzes Paket an Aufgaben, Verantwortung, zeitlicher sowie emotionaler Belastung. Sie selbst als Niya, als Frau, als Mensch mit eigenen Bedürfnissen finden in diesem Geflecht keinen Platz mehr.
Sie kennen als Fachfrau, die in der Medizin und Onkologie tätig war oder ist, wie wichtig es ist, dass auch Angehörige gut zu sich selber schauen. Dies fällt Ihnen momentan aus verständlichen Gründen schwer. Ich möchte Sie von Herzen ermutigen, Ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen Raum zu verschaffen, gerade auch damit Sie selber bei Kräften bleiben. Vielleicht könnte Sie eine psychoonkologische Begleitung durch eine entsprechende Fachperson in der Selbstfürsorge unterstützen. Die Krebsliga Ihres Wohnkantons kann Ihnen Adressen vermitteln und Sie auch sonst beratend unterstützen. Sie sind nicht alleine!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie zum Leben zurückfinden können.

Alles Gute,
Anna Moderatorin


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