2012 - Prostatakrebs


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2012 - Prostatakrebs

Beitragvon admin » Mi 28 Nov 2012 14:28

Herr Prof. Dr. George Thalmann, Direktor und Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Urologie des Inselsspitals in Bern, beantwortete Ihre Fragen:


Diese Antworten sind eine allgemeine Stellungnahme. Sie können nicht die persönliche Beratung durch eine qualifizierte medizinische Fachperson ersetzen. Soweit in einem Beitrag bestimmte Ärzte, Ärztinnen, Behandlungseinrichtungen oder Produkte genannt werden, dient dies nicht der Werbung oder stellt eine Empfehlung dar, sondern ist lediglich als Hinweis auf weitere Informationsquellen zu verstehen.

Einige Fragen und Antworten wurden in eine andere Landessprache übersetzt. Sollten Fragen oder Unklarheiten auftreten, wenden Sie sich bitte an die Fachberaterinnen vom Krebstelefon. Kostenlose Telefonnummer 0800 11 88 11 oder per E-Mail an helpline@krebsliga.ch



Frage von Appenzeller:
Bei mir wurde im Sommer 2011 Prostata Krebs diagnostiziert. Am 27. Oktober 2011 wurde ich meine Prostata entfernt samt Lymphknoten, somit bin ich krebsfrei, die Lymphknoten waren noch nicht befallen. Ich habe Beckenbodentraining genossen und zusätzlich noch Elektro-Stimulation auf Empfehlung meines Chirurgen. Nach einem Jahr bin ich trotz Einnahme von Toviaz 4mg noch Inkontinent. Besteht Hoffnung, dass ich meine Lebensqualität noch verbessern kann (d.h. die Inkontinenz sich noch ausheilt).

Antwort von Prof. Dr. Thalmann:
Guten Tag Appenzeller,
Die Inkontinenz ist eine mögliche Nebenwirkung der radikalen Prostatektomie. Nach 12 Monaten ist meist keine Besserung mehr zu erwarten, sofern Sie die notwendigen Übungen regelmässig und korrekt durchgeführt haben. Wenn nein, so ist hier Verbesserungspotential verbunden.
Sie haben jedoch schon einige Möglichkeiten zur Verbesserung ausprobiert. Leider hat es bis jetzt noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Die Inkontinenz schränkt Ihre Lebensqualität ein. In seltenen Fällen, bei denen sich die Inkontinenz nicht bessert, kann die Einsetzung eines künstlichen Schliessmuskels erforderlich sein. Besprechen Sie das weitere Vorgehen mit Ihrem behandelnden Urologen. Die Resultate mit dieser Methode sind gut.
Für eine gute Lebensqualität kann auch der gezielte Einsatz von Inkontinenz-Einlagen, für eine gute Sicherheit im Alltag beitragen. Inkontinenzeinlagen erhalten Sie in Kaufhäusern, Apotheken oder bei Publicare. Probieren Sie die verschiedenen Einlagen aus, und entscheiden Sie sich für die geeignetste. In einem Sanitätsgeschäft kann man Ihnen ebenfalls beratend zur Seite stehen.



Frage von Me65:
Guten Tag,
Mein Mann leidet an dem CPPS Krankheit hinzu kommt Weichteilrheuma seit 10 Jahren. Wir sind verzweifelt. Seine Medikamente sind: Oxinorm Fentanyl75 Aprovel Aspirin Alfuzoin10mg Prostata Urgenin. Vielleicht kennen sie eine Therapie für das CPPS.
Ich hoffe sehr auf eine positive antwort.
Gruss

Antwort von Prof. Dr. Thalmann:
Guten Tag Me65,
Ihr Mann befindet sich in einer schwierigen Lage, mit CPPS und Weichteilrheuma zu leben muss schwer sein.
CPPS steht für „chronic pelvic pain syndrome“. Auf Deutsch: chronischem Beckenbodenschmerz. Dem CPPS können viele Ursachen zugrunde liegen.
Oft haben Patienten eine Odyssee hinter sich und sind bei vielen Ärzten vorstellig geworden. Bevor der Arzt die Diagnose CPPS stellt, müssen Erkrankungen des Beckenbodens, Darmerkrankungen, Leistenbrüche oder Tumore ausgeschlossen werden. Erst wenn alle Untersuchungsergebnisse vorliegen und die Krankheit CPPS gesichert ist, kann eine gezielte Behandlung versucht werden.
Ihr Mann hat bereits schon einiges an Medikamenten versucht. Häufig haben diese Patienten schon einige antibiotischen Therapien hinter sich. Manchmal kann eine gezielte antibiotische Therapie mit Partnertherapie zu einer Besserung führen. Es gibt hier einen sogenannten „Pingpong-Effekt“, den man unterbrechen muss.
Weitere Ansätze sind die TENS Therapie und die Implantation eines Neuromodulators. Beide basieren auf elektrischer Stimulation von Nerven zur Dämpfung der Schmerzwahrnehmung.
Funktionelle Unterbauch- und Beckenbeschwerden werden oft in Zusammenhang mit chronischen Muskelverspannungen bei körperlichen wie seelischen Belastungen gesehen. Oft können diese Beschwerden, die den üblichen Verfahren im Allgemeinen trotzen, körpertherapeutisch erfolgreich behandelt werden. Gute Erfolge werden mit Massnahmen, die am Beckenboden angreifen (Biofeedback), erzielt.

Ziel ist es, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen. Von zentraler Bedeutung ist eine dauerhafte und fächerübergreifende Behandlung.
Wenden Sie sich bei Persistenz der Beschwerden an ein interdisziplinäres Team (Urologie) in einem Universitätsspital.



Frage von Mambo:
Wieso wird nach einer Prostataoperation mit vollständigem Verlust der Potenz von der Grundversicherung zwar Caverject übernommen, nicht aber Muse. Der Wirkstoff ist ja derselbe, die Applikation aber sehr viel angenehmer. Ist es ausgeschlossen, dass ev später Viagra doch wieder nützen wird? Oder ist diese Art von Hilfe für immer vorbei.

Antwort von Prof. Dr. Thalmann:
Guten Tag Mambo,
Im Gegensatz zu Muse, ist Caverject in der
Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit der Präparate, die durch Kostenträger in der Grundversicherung vergütet werden, aufgeführt.
Der Grund dafür ist mir unbekannt. Die Zulassung solcher Medikamente erfolgt durch die Swissmedic, welche Medikamente aufgrund ihrer Eigenschaften und ihrem Stoffwechsel beurteilen. Die Harnröhrenapplikation birgt die Gefahr eines Harnwegsinfektes und geht oft mit Schmerzen im Bereich der Harnröhre einher. Mitunter haben diese Gründe dazu geführt, dieses Präparat nicht in die Spezialitätenliste aufzunehmen.
Die Behandlung der erektilen Dysfunktion in Tablettenform (sogenannten Phosphodiesterase-5-Hemmern) kann nur unter der Voraussetzung wirken, dass die für die Erektion verantwortlichen Nerven intakt und funktionsfähig sind. Liegt nach der Prostatektomie die komplette Schädigung der für die Gliedversteifung zuständigen Nerven vor, ist demnach diese Behandlung der Erektionsstörung ungeeignet. Oft ist nach einer Prostataoperation die Erholung der für die Erektion verantwortlichen Nerven verzögert. Dies kann bis zu 4 Jahren benötigen. Es ist durchaus möglich, dass sich dies noch erholt oder zumindest auf Phosphodiesterase-5-Hemmern, z,B. Viagra, anspricht.
Sprechen Sie Ihren Urologen auf das Problem der erektilen Dysfunktion an. Er ist in der Lage, Ihre Aussichten auf eine mögliche Besserung dieser Operationsfolge realistisch einzuschätzen.
Möglicherweise hilft Ihnen zusätzlich der
Austausch mit anderen Prostatakrebspatienten.


Frage von Peter B.:
Letzte Woche erzählte mir mein Vater, dass er Prostatakrebs hat und nächstens einen Termin beim Spezialisten einen Termin hat. Ich habe einges auf dem Internet gelesen, verstehe aber den Unterschied zwischen active surveillance und watschful waiting nicht. unter welcher Voraussetzung muss mein Vater keine Krebstherapie machen. Ich mache mir Sorgen, dass eine Operation oder Bestrahlung zu viel für sein krankes herz ist. Mein Vater hatte vor 2 Jahren einen schweren Herzinfarkt.

Antwort von Prof. Dr. Thalmann:
Es gibt Prostatakarzinome, die das Leben eines Mannes mit wenig Wahrscheinlichkeit einschränkt, sei dies aufgrund einer niedrigen Aggressivität des Tumors, sei dies aufgrund des Alters oder des Allgemeinzustandes. Eine Active surveillance (aktives Überwachen) ist grundsätzlich eine Option für Patienten, welche für eine kurative Therapie in Frage kommen. Eine kurative Behandlung hat die Heilung zum Ziel. Bei der Selektion der Patienten für active surveillance sind bestimmte medizinische Kriterien ausschlaggebend, wie z.B. Gleason score < 6, kein tastbarer Befund, der Tumorbefall darf pro einzelner Stanzbiopsie nicht über 50% sein, usw. Kann ein
active surveillance durchgeführt werden, wird in regelmässigen Abständen der PSA Wert im Blut bestimmt und 1-2 jährlich eine Biopsie durchgeführt.
So kann vermieden werden, dass unbedeutende Tumore behandelt werden. Dadurch entfallen Therapienebenwirkungen, was zu einer verbesserten Lebensqualität führt. Sobald jedoch Zeichen einer Krankheitsprogression vorhanden sind, wird kurativ behandelt. Ein Problem mit diesem Ansatz ist, dass in rund 20% der Fälle die Tumorausdehnung aufgrund der Biopise unterschätzt wird.

Watchful waiting , oder „abwartendes beobachten“ richtet sich an eine andere Patientengruppe. Sie betrifft vorwiegend ältere Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen Tumor, welche keine Symptome haben, wo keine Heilung angestrebt wird oder werden kann. Bei diesen Patienten wird erst behandelt, wenn der Tumor symptomatisch wird.

Ob eine der beiden Optionen, active surveillance oder watchful waiting für Ihren Vater in Frage kommt, oder ob eine Behandlung angezeigt ist, kann ich aufgrund Ihrer Angaben nicht beurteilen. Je nach Situation kann dies aber durchaus in Frage kommen, insbesondere, wenn die Lebenserwartung wenige als 10 Jahre beträgt Bei der Therapie von Prostatakrebs gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine Operation ist nicht immer die einzige Variante. Der Urologe Ihres Vaters sollte Sie diesbezüglich beraten. Wenn Sie nicht sicher sind, können Sie immer noch eine Zweitmeinung einholen.



Frage von Isa:
Guten Tag Herr Professor Thalmann,
Ich habe eine spezielle Frage: Mein Mann ist erst 45 und hat die Diagnose Prostatakrebs erhalten. Er wird nächste Woche operiert. Nun hat er gehört, dass er wahrscheinlich Inkontinent sein wird und darum der Urin mit einem Schläuchli abgeleitet werden wird. Für uns beide bedeutet Sexualität sehr viel und wir fragen uns nun, wie das mit dem Schläuchli im Penis gehen wird. Ist da überhaupt eine Erektion und Geschlechtsverkehr möglich? Und wenn ja, tut das dann nicht weh, ihm wie mir?
Vielen Dank für eine Antwort.

Antwort von Prof. Dr. Thalmann:
Sehr geehrte Isa,
Die radikale Prostatektomie hat unter anderem die Inkontinenz und die Impotenz zur Folge. Die Entwicklung einer Inkontinenz postoperativ hängt davon ab, ob die für die Kontinenz und Potenz verantwortlichen Nerven erhalten werden können. Dies hängt vom Tumor und vom Chirurgen ab. Häufig ist die Inkontinenz und Impotenz postoperativ auch nur passager und bessert sich mit der Zeit.
Die Inkontinenz kann mit einem Dauerkatheter behandelt werden, was, wie Sie richtig bemerken, der Lebensqualität abträglich ist. Geschlechtsverkehr mit Dauerkatheter ist nicht zu empfehlen.
Unmittelbar nach der Operation sind viele Männer teilweise oder komplett inkontinent, was sich jedoch mit der Zeit deutlich verbessern kann. Wenn die Inkontinenz zu ausgeprägt ist, kann ein künstlicher Schliessmuskel eingepflanzt werden, der über Jahre bis Jahrzehnte gut funktionieren kann.
Bezüglich der Sexualität ist nach der Operation auch Geduld verlangt. Es gibt aber heutzutage glücklicherweise viele Hilfsmittel. Der Urologe kann Ihren Mann hierbei beraten.


Frage von Roberto
Guten Abend, sehr geehrter Herr Professor,
Ich bin 74 Jahre alt, leide an einem aggressiven Prostatatumor 4+4 und einem anfänglichen PSA-Wert von 14. Strahlentherapie und habe eine dreijährige Hormonbehandlung hinter mir. Während der Hormonbehandlung ist der PSA-Wert auf 0,06 gesunken. Die Behandlung wurde vor ungefähr zwölf Monaten abgebrochen, danach ist der PSA-Wert wieder angestiegen und liegt jetzt bei 0,58. Da es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Wiederausbruch der Krankheit handelt, möchte ich Sie fragen, welche Untersuchungen und Behandlungsmethoden Sie mir empfehlen können. Der eine Arzt rät zu einer HIFU-Behandlung nach PET/CT-Untersuchung, welche bei PSA-Werten von über 1,50 durchzuführen ist. Andere wiederum raten zu einer Wiederaufnahme der Hormonbehandlung. Ich möchte von Ihnen gerne wissen, welche Methode die wirksamste ist.

Wäre es nicht möglich, die Strahlentherapie zu wiederholen?
Ist es nicht riskant, abzuwarten bis der PSA-Wert auf 1,50 steigt?
Kann eine Hormonbehandlung über viele Jahre hinweg zu einer Hormonresistenz führen?
Welche anderen modernen Medikamente können in diesem Stadium angewendet werden?
Was halten Sie von der HIFU-Behandlung?
Bitte entschuldigen Sie die vielen Fragen. Ich danke Ihnen und verbleibe mit freundlichen Grüssen.

Antwort von Prof. Dr. Thalmann
Für eine Zweitmeinung können Sie sich an die derzeit von mir geleitete urologische Universitätsklinik in Bern wenden:
Urologische Universitätsklinik
Anna Seiler-Haus
Inselspital
CH-3010 Bern
Schweiz
E-Mail: urology.berne@insel.ch
Telefon: +41 31 632 20 45
Fax: +41 31 632 21 81

Ich kann Ihnen an dieser Stelle keine konkreten Behandlungsformen vorschlagen und werde mich daher auf allgemein gültige Antworten beschränken.

Die HIFU-Technik kann angewendet werden, wenn der Tumor nach erfolglosen lokalen Behandlungen wiederkehrt.

Wenn eine Hormontherapie über einen längeren Zeitraum hinweg angewendet wird, kann dies ihre Wirksamkeit beeinträchtigen. Das erste Anzeichen dafür ist ein konstanter Anstieg des PSA-Werts. Wenn eine Hormontherapie scheitert, ist eine weitere hormonelle oder chemotherapeutische Behandlung in Erwägung zu ziehen. Bei einem Prostatatumor im fortgeschrittenen Stadium, bei dem die Hormontherapie nicht mehr anschlägt, ist zurzeit «Taxotere» das Referenzmedikament. Es wird alle drei Wochen intravenös in einem Krankenhaus verabreicht.

Es hat immer Vor- und Nachteile, wenn man die Krankheit zunächst beobachtet. Dafür spricht, dass man keine Nebenwirkungen riskiert und der Alltag nicht durch einschneidende Veränderungen beeinflusst wird. Dagegen sprechen die Sorgen wegen der regelmässigen Kontrollen und Untersuchungen und der Möglichkeit, dass der Tumor wächst und andere Organe in Mitleidenschaft zieht sowie die Zweifel, ob man nicht eine Entscheidung, die man früher oder später sowieso treffen muss, hinausgezögert hat.

Wenn die Krankheit wieder ausbricht, stellt die Bestrahlung von aussen eine der möglichen Behandlungsmethoden dar, mit denen sich das weitere Wachstum des Tumors wieder kontrollieren lässt und die ein längeres Leben mit der Krankheit ermöglichen.

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