2017 - Sexualität bei Krebs

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2017 - Sexualität bei Krebs

Beitragvon admin » Di 3 Okt 2017 10:41

Betroffene und Angehörige fragen, eine Expertin und ein Experte antworten:

Vom 6. November bis 4. Dezember 2017 beantworteten Stefan Mamié, psychoonkologischer Psychotherapeut sowie Sexualtherapeut und Simone Dudle, Sexualberaterin, Master in Sexologie (in Ausbildung) in der Onlinesprechstunde Ihre Fragen.

Die folgenden Antworten sind eine allgemeine Stellungnahme. Sie können nicht die persönliche Beratung durch eine qualifizierte medizinische Fachperson ersetzen. Soweit in einem Beitrag bestimmte Ärzte, Ärztinnen, Behandlungseinrichtungen oder Produkte genannt werden, dient dies nicht der Werbung oder stellt eine Empfehlung dar, sondern ist lediglich als Hinweis auf weitere Informationsquellen zu verstehen.


Einige Fragen und Antworten werden in eine andere Landessprache übersetzt. Sollten Fragen oder Unklarheiten auftreten, wenden Sie sich bitte an die Fachberaterinnen vom Krebstelefon. Kostenlose Telefonnummer 0800 11 88 11 oder per E-Mail an helpline@krebsliga.ch

Freundliche Grüsse
die Moderatorinnen

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Trockene Scheide

Beitragvon admin » Mo 20 Nov 2017 12:46

Frage von A. :

Guten Tag

Seit einiger Zeit bin ich wegen Krebs in Behandlung. Durch die Medikamente habe ich eine viel trockenere Haut als vorher. Auch meine Scheide ist viel trockener. Darf ich ein handelsübliches Gleitmittel verwenden oder soll ich ganz auf Geschlechtsverkehr verzichten, bis sich meine Haut erholt hat?

Besten Dank für die Antwort, A.

Antwort von Simone Dudle, Sexualberaterin:

Guten Tag A.

Danke Ihnen für Ihre wertvolle Fragestellung.
Momentan sind Sie noch in Behandlung Ihrer Krebserkrankung. Da sind die Auswirkungen auf die Sexualität oft besonders beeinträchtigend und ausgeprägt.
Gerade auch die Haut und die empfindlichen Schleimhäute werden durch die Behandlungen in Mitleidenschaft gezogen.
Sie, wie auch viele andere Frauen, beschreiben Vaginalprobleme, welche sich durch Trockenheit der Scheide, entzündete Schleimhäute und einen Elastizitätsverlust der Scheide zeigen können. Durch die Therapie nimmt die natürliche Befeuchtung der Scheide kurz-oder längerfristig ab. Dies alles kann zu Hautirritationen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen und das genussvolle Erleben der Sexualität erschweren. Die Lust auf Geschlechtsverkehr kann deshalb gedämpft werden oder auch verloren gehen.

Ob Sie auf Geschlechtsverkehr vorübergehend oder längere Zeit verzichten, ist abhängig von zwei Faktoren.
Krebserkrankungen im Genital- und Beckenbereich und die damit verbundenen Therapiemassnahmen können Gründe für eine ärztlich verordnete Geschlechtsverkehr-Pause sein. Dies, um den Heilungsprozess unter anderem der Schleimhäute zu unterstützen. Wenn Sie unsicher sind, ob Sie aus medizinischen Gründen vorläufig darauf verzichten müssen, fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre betreuende Ärztin.
Ist von medizinischer Seite her grünes Licht, sind Sie selber der beste Indikator dafür, ob Sie Geschlechtsverkehr im herkömmlichen Sinn haben wollen oder nicht. Denn Sexualität und Geschlechtsverkehr sollten gedanklich und körperlich Freude sowohl anregen, wie auch bereiten. Körperliche Empfindungen sollten angenehm erlebt werden. Fühlen Sie Unbehagen, haben Ängste und Sorge oder sind angespannt beim Gedanken an Geschlechtsverkehr in Bezug auch auf Ihre irritierte Haut oder haben Schmerzen, sollten Sie sich selber in Ihren Gefühlen und körperlichen Reaktionen ernst nehmen und mit Ihrem Partner/ihrer Partnerin ins Gespräch kommen. Durch eine Krebserkrankung und die auftretenden Vaginalprobleme kann ein Herantasten an neue Formen von sexuellem Genuss Sinn machen und die gemeinsame Sexualität bereichern. Denn der Geschlechtsverkehr ist nur einer von vielen Ausdrucksmöglichkeiten von Zuneigung und Anziehung. Zärtlichkeit, Nähe, Sinnlichkeit und Erotik kann auch losgelöst von der Penetration gelebt werden.
So kann zum Beispiel eine Ganzkörpermassage oder auch eine liebevolle Handmassage dem Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit Rechnung tragen und gemeinsame Sinnlichkeit in einer herausfordernden Lebenssituation erfahrbar machen. Und Ihre trockene Haut bekommt dabei Aufmerksamkeit und liebevolle Pflege. In einer vertieften Sexualberatung können weitere individuelle und stimmige Möglichkeiten für beide erarbeitet und besprochen werden.


Ist der Gedanke an körperliche Vereinigung lustvoll und anregend, dann
empfiehlt sich für den Akt ein hochwertiges Gleitgel zur Befeuchtung der Scheide. Achten Sie beim Kauf auf ein Gleitmittel mit natürlichen und naturidentischen Inhaltsstoffen auf Wasser – oder Silikonbasis. Die Produkte sollten sich durch eine hohe Hautverträglichkeit ausweisen und dermatologisch getestet sein. Gleitgels auf Silikonbasis sind besonders geschmeidig und haben zudem eine schützende Wirkung.
Die hochwertigen Gleitgels können Sie vor der sexuellen Begegnung auf die Klitoris, die inneren und äusseren Lustlippen, vor allem aber rund um den Scheideneingang und auf den Penis oder das Kondom verteilen. Bei Bedarf kann der Gel auch leicht während dem Liebesspiel nachgetragen werden. Nach der sexuellen Aktivität empfiehlt sich eine sanfte Reinigung der Vulva mit Wasser und anschliessendem Einfetten mit einem Intimpflegeprodukt oder Öl.

Während und nach einer Krebsbehandlung braucht die Vagina (Scheide) oft von aussen zugeführte Feuchtigkeit und Pflege. Die Vulva (Klitoris, innere/äussere Lustlippen, Scheideneingang) benötigt ein schützendes Fett. Durch regelmässige Intimpflege können Vaginalprobleme verbessert werden bzw. Ihre Haut kann sich rascher erholen. Die Scheide bleibt durch die Intimpflege geschmeidiger und elastischer, was wichtige Voraussetzung für genussvolles Erleben in der Sexualität ist. Ritualisierte Intimpflege kann gerade auch dann unterstützend wirken, wenn der Geschlechtsverkehr aus oben genannten Gründen in den Hintergrund tritt, aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden möchte.
In einem ersten Schritt können Sie Hautirritationen und Scheidentrockenheit vorbeugen, indem Sie ihre Vulva täglich, zum Beispiel nach dem Duschen (lauwarmes Wasser genügt und ist schonender für die Intimhaut), mit einem hochwertigen Intimpflegeprodukt eincremen. Zu geeigneten Intimpflegeprodukten können Sie sich in einer Apotheke kompetent beraten lassen. Auch Weizenkeimöl oder Mandelöl können gute Dienste erweisen, sind aber mit einem Kondom nicht kombinierbar.
Nehmen Sie sich täglich für die Pflege Zeit, die inneren und äusseren Lustlippen, den Damm und After und vor allem den Scheideneingang einzucremen. Dabei können Sie mit dem Finger auch langsam im Innern der Vagina das Produkt bzw. Öl sanft einmassieren.
Durch den täglichen Besuch Ihrer Vulva und Vagina, können Sie erkunden und wahrnehmen, welche Stellen schmerzempfindlich oder sehr trocken sind und besonderer Aufmerksamkeit bedürfen und welche Berührungen Ihnen momentan guttun und genussvoll erlebt werden. Die Eigenwahrnehmung bei der Intimpflege hilft Ihnen auch, Ihre Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr zu erkennen.

Ich danke Ihnen für Ihre wichtige Frage, auch im Namen vieler anderer Frauen mit vaginaler Trockenheit.
Manchmal tauchen beim Lesen von Antwortschreiben weitere Fragen auf. Dann dürfen Sie sich gerne wieder bei uns melden.

Mit besten Wünschen für die kommende Zeit.

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Sexualität nach radikaler Vulvektomie

Beitragvon admin » Do 30 Nov 2017 15:31

Guten Tag

Vor einem Jahr hatte meine beste Freundin, wegen Krebs, eine radikale Vulvektomie + Rekonstruktion. Sie ist seit 20 Jahren verheiratet. Nun traut sie sich nicht mehr mit ihrem Mann Sex zu haben. Sie weint oft und ist deprimiert. Da sie nicht so zufrieden ist mit der Rekonstruktion, schämt sie sich und hat Angst ihr Mann könnte sich ekeln. Auch aus Angst vor Schmerz hat sie bis jetzt jeden Sexualkontakt mit ihrem Mann hinausgeschoben. Sie leidet unter Empfindungsverluste, erkennt ihrem Körper nicht mehr und ihre Libido ist gesunken. Sie ist eine sehr attraktive, gepflegte Frau, die das Leben genoss. Mit dem Geniessen ist es nun vorbei, meint sie. Wie kann ich ihr helfen?
Danke für gute Tipps!

Antwort von Stefan Mamié, psychoonkologischer Psychotherapeut und Sexualtherapeut:

Liebe Coccinelle,

vielen Dank für Ihre Anfrage und Ihr Engagement. Sie möchten Ihre beste Freundin unterstützen im Umgang mit den Folgen einer radikalen Vulvektomie nach einer Krebserkrankung.

Viele Patientinnen und Patienten, die chirurgische Eingriffe an Geschlechtsorganen hinter sich haben, sind in ihren Grundfesten erschüttert. Es kann das Körperbild, die Funktionsfähigkeit und die Sensibilität beeinträchtigt sein. Viele sind in ihrem Selbstverständnis, sich als Frau / als Mann zu fühlen, verunsichert. Ängste vor physischem und psychischem Schmerz aber auch vor Ablehnung des Partners lassen die Betroffenen diesen Lebensbereich vermeiden. Oft erfolgt diese Entwicklung in der Partnerschaft unbesprochen. Die oder der Betroffene geht z.B. von der Annahme aus ‚ich bin so nicht mehr zumutbar‘. Der oder die PartnerIn denkt ‚ich muss Sie / Ihn jetzt mit seinem Schmerz in Ruhe lassen und will keine Wunden aufreissen, indem ich ein Bedürfnis nach Nähe, nach Zärtlichkeitsaustausch oder Sexualität einbringe. Selbstverständlich wird diese Zurückhaltung des Partners seitens der Patientin sofort registriert und als Bestätigung ihrer Annahme der ‚Nicht-Zumutbarkeit‘ interpretiert. Beide versuchen, die Folgen der Veränderung mit sich selbst auszumachen und ziehen sich emotional zurück. Daraus entsteht dann nicht nur der Verlust der Sexualität sondern zusätzlich noch ein teilweiser Verlust des ‚Beziehungs-Fadens‘, des Gefühls der partnerschaftlichen Verbindung.

Dieses Bespiel soll verdeutlichen, wie in Partnerschaft und Sexualität die Weise des Umgangs einen Unterschied machen kann. Vermeidung hilft üblicherweise, die ungewünschte Situation aufrecht zu erhalten. Es ist schwierig, für das Gefühlschaos aus Unsicherheit, Angst, Scham, Schmerz, Trauer etc. Worte zu finden. PatientInnen, die in vergleichbaren Situationen ‚gute Tipps‘ erhalten, fühlen sich meist missverstanden und haben das Gefühl, das Gegenüber versteht den Ernst der Lage und die Not nicht wirklich. Eine derartige Situation braucht darum fast immer qualifizierte fachliche Unterstützung.

Das Wichtigste darum: widerstehen Sie dem Impuls, Behandlerin zu werden (falls es einen solchen gibt). Bleiben Sie Freundin, indem Sie da sind, indem Sie Ihre Freundin in ihren Gefühlen, Sorgen und Nöten ernst nehmen, aber auch indem Sie beide Zeit mit Aktivitäten verbringen, die beide schon immer gerne zusammen gemacht haben. Anerkennen Sie die Trauer, die Verzweiflung und die Mutlosigkeit. Jemanden zu haben, der diese Gefühle mit aushält ist eine unschätzbare Unterstützung auf dem Weg, einen Umgang damit zu finden. Wenn Sie unsicher sind, was Sie sagen sollen, können Sie das Ihrer Freundin mitteilen und sie fragen, was ihr gut tun könnte oder was sie von Ihnen braucht. Sie dürfen nach wie vor ihre eigenen Bedürfnisse auch in die Freundschaft einbringen. Je nachdem wie es ihrer Freundin gerade geht, sind natürlich nicht alle Wünsche immer erfüllbar. Informieren Sie Ihre Freundin darüber, dass es schweizweit für solche Fragestellungen einige gut erfahrene und qualifizierte Fachpersonen gibt, die sie bei der Bewältigung dieses Einschnitts in ihr Leben und in ihre Beziehung unterstützen können. Bleiben Sie zugewandt und ermutigend, auch falls Ihre Freundin jetzt gerade noch nicht zu dem Schritt, fachliche Unterstützung anzunehmen bereit ist. Gerne beraten wir Ihre Freundin dabei, ein passendes Angebot nach Möglichkeit in ihrer Region zu finden, falls sie das wünscht.


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